23 dige Wirklichkeit den Wahngebilden eines phantastischen Schematismus und willkürlichen Zwangsgesetzen, dem Einheitsdrange des Geistes zu lieb, unterworfen. Damit hängt eine wéitere Befangenheit des Verstandes zusammen. Er lässt sich nämlich bei Bildung eines Gesetzes weit mehr durch die bestätigenden, als durch die widersprechenden Erscheinungèn und Erfahrungen bestimmen; und doch sollie er der Ordnung gemäss beiden eine gleiche Aufmerksamkeit schenken; ja, die Wichtigkeit einer widersprechenden Erfahrungsthatsache ist für die Feststellung eines Grundsatzes weit grösser. Hat aber dem Verstande einmal etwus gefallen, so zwängt er auch alles Uebrige zur Uebereinstimmung mit jenem. Mag die Menge und Bedeutung des Widersprechenden noch so gross sein: er sieht es nicht, oder verachtet es, oder sucht es durch willkürliche Unterscheidungen zu beseitigen, damit nur die Autorität seiner Vorstellungen unverletzt bleibe. Daher gab jener die rechte Ant- wort, welcher, als man ihm die in einem Tempel aufgehängten Votiviafeln derjenigen, die, aus dem Schiffbruch entronnen, dort ihr Gelübde gelöst hatten, zeigte und ihn dann mit der Frage drängte, ob er nun nicht den mäüchtigen Willen der Götter anerkennen wollte, mit der Gegenfrage erwiderte: Wo sind die Votivtafeln jener, die nach gethanem Ge- lübte untergegangen sind? In dieser hartnäckigen Eingenommenheit des Geistes legt auch der Grund von jenen abergläubischen Regeln aller Art, bei denen die Menschen das Ein- treffen einer angenommenen Regel stets beachten, das Nichteintreffen aber, wenn es auch viel häufiger ist, übersehen. Aber auch in den Wissenschaſten sehleichet dieses Uebel, nur in weit feinerer Weise, einher. Sowohl das vorschnelle Aufstellen von Gesetzen, als das zähe Festhalten an den einmal angenommenen, hat seinen vorsüglichsten Grund in der parleischen Vorliebe für die affirmativen Thatsachen und in der Nichtbeachtung der nega- tiven, oder wenn diese nicht mehr möglich ist, in den künstlichen Versuchen dieselben zu Gunsten jener auf irgend eine Art zu beseitigen. Die ausserordentliche Wichtigkeit der negativen Instanzen ist überhanpt einer der Hauptgesichtspunkte, durch welche Bacon seiner inductiven Methode die Sicherheit ertheilen will, welche er auf dem Wege der bisherigen Forschung vermisste. Denn auch die eigenthümliche Beengtheit des Geistes wird durch sie. vorzüglich aufgehoben. Manche Erscheinungen, die ihm auf einmal mit besonderer Kraft und Klarheit entgegen getreten sind, erfüllen seine Phantasie und bannen ihn gleichsam in ihren Kreis, so dass er alle übrigen darnach erklärt, und nur mit grossem Widerstreben seine Grundsätze der Feuerprobe an abweichenden Thatsachen anderer Art unterwirft.
Ein Hauptbetrug des Geistes ist aber der: den Menschen zur Norm der Natur zu
machen, zu glauben, dass die Natur alles so vollbringe, wie es der Mensch vollbringt. Es
ist unglaublich, welche Schaar von ldolen der Gedanke in die Philosophie gebracht hat, die Naturwirksamkeit auf die Aehnlichkeit mit menschlichen Handlungen zurückzuführen. Er hat die Zweckursachen(causae finales) in der Naturerklärung zur Herrschaft erhoben. Weil
in dem Thun des Menschen der sich Zwecke sctzende Wille waltet und die Ursache der
mannigfaltigen Wirksamkeit des Menschen ist: so glaubt man auch den Zusammenhaug der Naturerscheinungen schon hinreichend zu kennen, wenn man sie als die Aeusserungen eines zweckmässig wirkenden Willens auffasst. Wozu etwas dient, nicht wodurch und wie etwas wird und ist, erscheint dann als die Hauptfrage, und diese lenket die Untersuchung von den bewirkenden Ursachen und den Gesetzen der Erscheinungen oder den Mittelursachen ab. Die Behandlung der finalen Ursachen in der Physik, eaßſär er, hat die Untersuchung der eigentlich physikalischen Ursachen verdrängt zum ungeheuren Schaden der Wissenschaf- ten; sie hat bewirkt, dass man sich mit Schein- und Schattenursachen beruhigte, statt mit aller Kraft auf reale Ursachen zu dringen. An dieser Küste hat nicht allein Plato seinen Anker geworfen, sondern auch Aristoteles, Galen u. a. gerathen am häufigsten auf jene Untiefen. Die Erforschung der finalen Ursachen in der Physik ist aber unfruchtbar, wie


