Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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heben oder aus Bequemlichkeit, des Kindes Leitung ganz der unſicht⸗ baren Hand überlaſſen, die es ſchon zum Ziele führen wird. Solch eine unvollkommen entwickelte Pflanze wird gar bald unter dem Hauche der rauhen Wirklichkeit und unter den ſchädlich einwirkenden Elementen der Außenwelt verkümmern.Es iſt vergebens zu ſagen, fliege dem der keine Flügel hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden empor kommen; aber entwickele, wenn du kannſt, ſeine geiſtigen Schwungfedern und laſſe ihn dieſelben üben und kräftig machen, und er wird ohne all dein Ermahnen gar nichts anders mehr wollen oder können, denn fliegen. ¹) Dann mag das Leben mit ſeinen mannigfaltigen Einflüſſen an den Jüngling hinantreten, es wirkt nur befeſtigend auf den bildungsfähigen Charak⸗ ter. Die Schule des Lebens zeitigt dann die aus dem erſten Ent⸗ wicklungsſtadium hervorgegangene kräftige Frucht der Erziehung. Iſt ſich der Jüngling ſeiner Lebensaufgabe und ſeiner Lebenskraft voll⸗ kommen bewußt, ſo wird das reine Streben, die durch Erziehung zur Gewohnheit gewordene eifrige Thätigkeit, der durch Schulerziehung er⸗ zeugte geiſtige Durſt und lebendige Trieb nach Wiſſen und Wahrheit um der Wahrheit willen ſich im Leben erhalten, ſich nicht leicht von böſen Einflüſſen dämpfen laſſen, und dieſes thatkräftige Streben wird, was die Hauptſache iſt, vor Leichtſinn und Sünde ſchützen. Wir dür⸗ fen uns der frohen Hoffnung hingeben, daß, wenn von Haus und Schule ein gutes Fundament für den moraliſchen und intellektuellen weiteren Ausbau des Lebens gelegt iſt, das ſpätere Leben mit ſeinen Stürmen nur günſtig auf den Jüngling einwirken und die von der Erziehung entwickelten Kräfte zur höchſten Entfaltung führen wird.

Freilich hat das Erziehungsgeſchäft ſeine Gränze, freilich muß man Vieles dem Erzieher der Menſchheit überlaſſen und deſſen Segen zur Förderung und zum Gedeihen des ausgeſtreuten Samens erflehen; aber nichtsdeſtoweniger dürfen wir wegen unſerer Unzulänglichkeit, die uns obliegenden Pflichten gewiſſenhaft zu erfüllen nicht verabſäumen. So wie der vernünftige Säemann durch das Bewußtſein ſeiner Unzuläng⸗ lichkeit, ſeiner Ohnmacht gegen mächtig wirkende ſchädliche Elemente nicht zaghaft unterläßt, den Samen dem Boden anzuvertrauen, wie er

¹) Fichtes Reden an die deutſche Nation.