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ziehungsverhältniß zwiſchen Eltern und Kind. Der Jüngling ſoll und will nun ſein eigener Erzieher ſein. Dieſe Periode iſt bei vernünftiger Erziehung eine allmälig eintretende; denn ſchon lange vor dieſem Le⸗ bensabſchnitte gelangt der unter dem Einfluſſe einer guten Erziehung herangereifte Jüngling zu dem Grade von Selbſtſtändigkeit, beſonderer Einwirkung entbehren zu können. Schließt doch die Erziehung zur Selbſtſtändigkeit von vornherein jeden eigenmächtigen Eingriff in die Natur des Kindes, wenn dieſer überhaupt möglich iſt, aus. Um that⸗ kräftige, ſelbſtſtändige, keine willensſchwache, jeder Laune ſich preis⸗ gebende Menſchen zu erziehen, muß ſich der Erzieher, wie ſchon oben erwähnt, weiſe Schranken ziehen. Der vernünftige Erzieher will und kann nur des Kindes urkräftige Geiſtesanlagen zur harmoniſchen Aus⸗ bildung und Entwickelung führen; er will und kann nur den Kräften die wahre Richtung geben und dieſelben zu veredeln ſtreben. Je mehr man das Kind frei handeln läßt, wenn dieſes auch nur eine Schein⸗ freiheit iſt; je öfter man dafür ſorgt, die aus einer Handlungsweiſe entſpringenden Folgen, mögen ſie wohlthuend oder ſchmerzlich ſein, das Kind ſelbſt erfahren zu laſſen; deſto früher wird das Kind zur Selbſt⸗ ſtändigkeit, zur Charakterfeſtigkeit heranreifen.
Hat nun der Zögling die Entwicklungsſtufe, wofür die ganze Erziehung eine Vorbereitung ſein ſoll, erreicht, wo er ſich ſelbſt zu be⸗ obachten im Stande iſt, wo er der Controlle entbehren kann, wo er endlich ſich, gleich ſeinem Erzieher, der Controlle der Vernunft und des Sittengeſetzes frei unterordnet: ſo hat die Erziehung ihr Ziel und Ende erreicht. Deſſenungeachtet wird das Band, das Erzieher und Zögling, das vorzüglich Eltern und Kind umſchlingt, nie gänzlich ge⸗ löst werden. Auch der Jüngling wird noch der Eltern wohlwollendes, weiſes Wort werth und theuer halten. Gehorcht auch der Jüngling dem Vater weniger, weil dieſer es befahl, ſo gehorcht er doch in Folge der Ueberzeugung von dem Wohlwollen und der Liebe des väterlichen Wortes. So wird denn der Einfluß der Eltern auf ein wohlerzogenes Kind nie gänzlich abgeſchnitten, und können dieſelben auf ſpätere Wahl des Umganges immerhin bedeutend influiren.
Nur dürfen die Eltern nicht zu frühe das ernſte Erziehungsge⸗ ſchäft von ſich abwälzen wollen; nur dürfen ſie nicht glauben, daß ſie ein gottgefälliges Werk üben, wenn ſie, um ſich aller Sorge zu ent⸗


