Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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. 25.

Kindes Seele in Klarheit geführten Ideen von Frömmigkeit, Sittlich⸗ keit und Aufopferung recht hell aufgegangen, ſo vermag kein trübes Gewölk der Zeit dieſelbe auf die Dauer zu verhüllen, ſie ſcheint fort durch's Leben hindurch; denn Nichts bleibt ſo feſt und unerſchütterlich vor des Menſchen Seele ſtehen, Nichts prägt ſich ſo tief ein, als das, was er in der Blüthezeit ſeines Lebens recht innig erfaßt hat.Man höre auf, das heranwachſende Geſchlecht für das, was immerhin vor der Hand noch Ideal ſein mag, zu begeiſtern, und der gröbſte, ſchon jetzt faſt allgemeine Egoismus wird bald genug die einzige Marime werden, nach welcher die Menſchen handeln. 1)

Zu gleicher Zeit werden aber auch die Schwierigkeiten im Leben, womit das Streben nach Vollkommenheit zu kämpfen hat, dem Schüler zum Bewußtſein gebracht. Daß manches edle Streben zu jeder Zeit Spott und Verkennung erntet, bleibt dem Schüler nicht unbekannt. Er wird auf die epicuräiſchen Grundſätze aufmerkſam gemacht und dagegen gewappnet, drypden vede e h. Kurz, die Schule will keine Treibhauspflanzen erziehen, die bei der geringſten Temperatur⸗ Veränderung zu Grunde gehen; ſie will an Geiſt und Körper geſunde, kräftige Menſchen heranbilden, die auf ſchädlich wirkende Einflüſſe ge⸗ faßt und auf die Bekämpfung derſelben vorbereitet ſind. Die Schule will Menſchen für's Leben erziehen und muß auch in der Wahl der Mittel dem Leben Rechnung tragen; denn die Welt ändert ſich nicht um unſerer Kinder wegen.

Streut aber nicht die Schule durch ſolche Bildung den Samen der Unzufriedenheit mit dem jetzigen Zuſtande der Welt in die Herzen der Kinder? Werden dann nicht Menſchen von ſolcher Bildung den Frohſinn, die Freude am Leben in der menſchlichen Geſellſchaft, die für ſie ſo viel Mangelhaftes und Unvollkommenes an ſich trägt, ver⸗ lieren? Dieſe Befürchtungen ſchwinden, wenn wir uns ſagen, daß das Streben nach Vervollkommnung durchaus nicht das Gute und Wahre, was jede Zeit in ſich birgt, verkennt; daß der Menſch, der ſich mit der Idee beſchäftigt, wie es in der Welt beſſer werden könnte und ſich die hohe, die reinſte Freude in ſich ſchließende Aufgabe ſetzt, mit allen ſeinen Kräften dieſes beſſere Ziel anzuſtreben, trotz der ihn umgebenden unvollkommenen Welt einen heiteren, ruhigen Sinn

¹) Niemeier.