Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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nimmt den erſten Platz ein. Das gemeinſchaftliche Streben und Denken, der dadurch erzeugte Wetteifer begründen in dem Kinde einen edlen Ehrtrieb, der zu Anſtrengung und Aufmerken anſpornt und für's ganze Leben von unberechenbarſter Folge iſt. In dieſem gemeinſchaft⸗ lichen Zuſammenleben und durch dasſelbe wird das Kind gewöhnt, ſich in mancher Beziehung der Geſammtheit wegen zu beherrſchen, ein kleines Opfer zu bringen; denn gar Manches muß in der Schule unterlaſſen werden, was an und für ſich, z. B. zu Hauſe, gar nicht als Vergehen anzurechnen iſt.

Was nun dieſe moraliſche Ausbildung in einer Schule möglich macht, was all die Tugenden: Gehorſam, Selbſtbeherrſchung zur Reife bringt, kurz was des Kindes Handeln maßregelt? Es iſt die Disci⸗ plin! Sie iſt das Mittel, wodurch der Lernende ein verſtändiger, ſitt⸗ lich braver Menſch werden kann. Durch ſie wird die Schule eine Vorbereitungsanſtalt für das Leben. Inſofern haben wir gute Dis⸗ ciplin höher zu ſchätzen als guten Unterricht.

Dieſes Erziehungsmittel wirkt durch die Perſönlichkeit des Lehrers bildend und kräftigend auf den werdenden Charakter. Der Impuls zu allem Guten ruht in dem für den Schüler muſtergültigen Leben des Lehrers, in dem Beiſpiele, womit dieſer dem Kinde vorleuchtet, in der Achtung, mit einem Worte, die er ſich bei dem Kinde erwirbt. Das Kind wird, vorzüglich in dem früheren Alter, unbewußt durch das Gute, welches es an einem ihm achtungswerthen Menſchen perſoni⸗ fizirt findet, zum Guten erzogen. Ja, es kann der gemüthvolle, Zu⸗ trauen erweckende Lehrer eine ſolche Stütze für des Kindes Thun und Handeln werden, daß es ſein ganzes Thun und Laſſen auf ihn beziehe, daß es fern von ihm, außer der Schule, durch die Vergegenwärtigung des Lehrers vor manchem leichtſinnigen Schritte bewahrt bleibe. Der Lehrer ſoll für das zarte Kind das ſein, was der Stamm eines Baumes oft für eine hinaufrankende Pflanze iſt. Kinder, welchen dieſe Stütze, wir wollen ſagen, dieſes einem Kinde vorzuſchwebende Ideal, in ihrem Lebensmorgen fehlt, welche ſchon frühe den Glauben an den Menſchen zu Grabe tragen, indem ſie einen Widerſpruch zwiſchen Lehre und Leben des Lehrenden entdecken, können dadurch leicht den Glauben an die Menſchheit und das edle Streben für das unſchätzbare Gute für immer einbüßen.