Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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ſchätzen weiß und ſeine Anforderungen darnach modifizirt; wenn er Anerkennung da zeigt, wo das Kind ſolche mit Recht erwarten darf. Haben doch des Kindes erſte Handlungen auf dem ſittlichen Gebiete die Richtung, Wohlgefallen und Beifall bei Andern dadurch zu erwer⸗ ben. Es rechnet von vornherein bei der Ausübung einer guten Hand⸗ lung auf den Beifall ſeiner Eltern und Lehrer, die eben, wie bemerkt, ſein Gewiſſen perſonifiziren. Schätzen wir dieſes Bedürfniß nach dem richtenden Urtheile eines Andern nicht geringe. Es entwickelt ſich hieran das eigene Gewiſſen, ein beſonnenes, vernünftiges Handeln; es iſt dies oft das einzige Mittel, wodurch wir den Schlaffen zur Thätigkeit locken können. Selbſt in ſpäteren Jahren, in welchen das Kind, des Werthes einer guten Handlung vollkommen bewußt, das Gute thut, weil es gut iſt, wo es in ſeinem Innern Befriedigung und Belohnung findet, ſoll ihm der Beifall der Mitwelt, ohne ſich von demſelben in ſeiner Handlungsweiſe beſtimmen zu laſſen, nicht ganz gleichgültig ſein. Auch dem größten Geiſte, ſagt Jean Paul, ſoviel Selbſtgefühl er beſitzen, ſoviel Verlaß er auf ſich ſelbſt haben mag, iſt doch zuweilen und zu⸗ mal in der Jugend, von Außen her ein ermuthigendes Anerkennt⸗ niß ſeines Talentes und der gelingenden Anwendung desſelben nöthig. Um ſich ſeines Werthes unſchuldig bewußt zu werden, iſt dem Men⸗ ſchen fremde Werthſchätzung unentbehrlich.

Hat die Schule die Aufgabe, in dem Kinde die reine Liebe zum Lernen anzuzünden, ein kräftiges Wollen in ihm hervorzurufen, den Schüler zur gewiſſenhaften, frohen Selbſtthätigkeit, als Vorbereitnng für die künftige ernſtliche Thätigkeit des zum Manne gewordenen Zög⸗ lings zu führen, ſo hat ſie anderſeits außer der Verſtandesbildung, außer der Erziehung zur Fertigkeit des Schülers, ſeinen Willen auch im Leben verwirklichen zu können die Aufgabe, die von Vernunft und Geſetz gezeichnete Handlungsweiſe als Richtſchnur ſeiner Thatkraft zu ſetzen. Welche Erziehungsmittel ſtehen zu dieſem Zwecke der Schule zu Gebote?

Das gemeinſchaftliche Zuſammenleben der Schüler wirkt ſchon bedeutend auf die Handlungsweiſe, auf den werdenden Charakter. In dieſem Zuſammenleben muß jeder Eigenſinn, jeder Dünkel, jede Un⸗ verträglichkeit ſchwinden, ja noch mehr, es ſchwindet jede Berückſichti⸗ gung des Rangverhältniſſes der Eltern. Wer der Tüchtigſte iſt, der