Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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die Güte derſelben zu erproben. Man gönnt ſich kein Vergnügen, woran dasarme Kind nicht Theil nähme, wodurch Genuß⸗ und Vergnügungsſucht frevelhaft hervorgelockt wird. Da ſtellt ſich denn der Jammer der verkehrten Erziehung in ſeiner Nacktheit heraus, deren beklagenswerthen Folgen durch das ganze Jünglings⸗ und Mannesalter zerſtörend fortwirken.

Die jüdiſche Erziehung iſt ſich der Aufgabe des Menſchen, Mei⸗ ſter ſeiner Neigungen zu ſein, in ihrer ganzen Schwere vollkommen bewußt; ſie weiß, daß der nur die Prädikateſtark,Held, mit Recht verdient, der Herr ſeiner Leidenſchaften iſt. Darum aber be⸗ trachtet die jüdiſche Erziehung es auch als heilige Pflicht, ſchon frühe des Kindes Kraft zu üben, des Kindes Willen auf die Bahn des Guten und Edlen zu lenken, damit einſt der Jüngling im Kampfe mit ſich ſelbſt nicht unterliege und gegen Verlockungen gepanzert ſei.

Die hohe Stufe der freien Selbſtbeſtimmung, der Unterordnung der Sinnlichleit unter Vernunft und Geſetz, kann von dem Kinde er⸗ reicht werden, wenn der Erzieher ſelbſt mit einem nachahmungswürdigen Beiſpeile vorangeht, wenn er ſelbſt Entbehrungen zu ertragen im Stande iſt, wenn er ſeinen Willen von Gottes Willen beſtimmen und lenken läßt. Alle Ermahnungen, alles Moraliſiren iſt fruchtlos, beſonders bei jüngeren Kindern, bei welchen bekanntlich der Nachahmungstrieb ſehr ſtark iſt, wenn nicht der Eltern gutes Beiſpiel vorleuchtet. Wo das gute Beiſpiel fehlt, fehlt Alles! Woher kommt es, daß Eltern, die keinen ſo hohen Grad von Bildung, auch nicht über Tauſende zu verfügen haben, in der Erziehung glückliche Erfolge erzielen, während oft reiche und gebildete Eltern ihr Erziehungswerk mißlingen ſehen? Weil Erſtere durch den innigen Verkehr mit dem Kinde Gelegenheit finden, ihr gutes Beiſpiel auf dasſelbe wirken zu laſſen, und weil Letztere oft aus Bequemlichkeit die zarte Pflanze unverſtändigen Gärtnerinnen, die ſich durch die verkehrteſte Nachgiebigkeit einzu⸗ ſchmeicheln ſuchen und ſelten dem Kinde ein nachahmungswerthes Vorbild abgeben, leichtſinnig anvertrauen. Nur durch inniges Zuſam⸗ menleben der Eltern mit den Kindern, durch die gemeinſamen Intereſſen ſchließt ſich ein unauflösbares Band um ſie. Die Eltern ſollen wie⸗ derum kindlich zu denken anfangen, das ganze Kinderleben wiederholt mit Vergnügen leben. Dann vermögen ſie über das Kind Vieles;