Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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Auf zweifache Weiſe bethätigt ſich der feſte Charakter, einerſeits im energiſchen Zurückweiſen von allem Böſen und Gemeinen, ander⸗ ſeits in der kräftigen Ausführung der guten Grundſätze, ſelbſt unter Zuziehung der herbſten Unannehmlichkeiten und Leiden. Solch ein Charakter iſt das Ziel und das Produkt aller wahrhaften Erziehungs⸗ beſtrebungen. Unter welchen Einflüſſen entwickelt ſich in dem Kinde Charakterfeſtigkeit, welche Factoren in der häuslichen Erziehung bilden endlich dieſes Product?

Dem Kinde im frühen Alter einen kräftigen Willen zuzumuthen, iſt unſinnig. Wo iſt die Kraft, mit welcher es ein Reſultat ſeines Willens herbeiführen könnte, wo die Einſicht, die zweckentſprechenden Mittel anzuwenden? Gleichwohl kann der Erzieher Kräftigkeit in des Kindes Streben und Handeln begründen. Dieſes iſt ihm nur in dem Maße möglich, wie er die Seele des Kindes frei zu halten vermag von allem Verletzenden oder Trübenden ¹). Es iſt Sache des Erziehers, bei der erſten Kraft- oder Thatäußerung des Kindes die etwaigen Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, geebnete Bahn zu machen, um des Kindes Handeln ein mit Erfolg gekröntes werden zu laſſen. Schon die erſten Verſuche im Gehen, Heben, Spieken dürfen uns nicht gleich gültig ſein. Durch das Gelingenmachen dieſer Verſuche erwecken wir in der Seele des Kleinen Muth und Selbſtvertrauen. Jeder miß⸗ lungene Verſuch wirkt hingegen ſchwächend und lähmend, wie uns ja die Erfahrung lehrt, daß ein mißlungener Verſuch im Gehen oder Springen auf längere Zeit das Kind von Wiederholung dieſer Thätig⸗ keit zurückhält und die Freude an Kraftübungen nicht ſo ſchnell wieder in das Gemüth des Kindes einkehren läßt.

Nichts ſetzt ſo ſehr die geiſtigen Schwungfedern der Kinder in lebhafte Bewegung, als das Gelingen einer Handlung, Nichts ſpornt zur Selbſtthätigkeit in dem Maße an, als das gewonnene Selbſtver⸗ trauen, als das Bewußtſein, vermittelſt eigener Kraft einen günſtigen Erfolg erzielt zu haben. Wer kennt nicht das Wonnegefühl, den be⸗ neidenswerthen Frohſinn des Kindes, den es in ſeinem Spiele und durch ſein Spiel entwickelt! Es iſt die Freude an der gelungenen Ausführung einer Idee, es iſt die Freude, bewirkt durch das Bewußt⸗ ſein ſeiner Kraft. Dieſe frohe, heitere ungetrübte Stimmung iſt das

¹) Beneke's Erziehungslehre S. 225.