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Abſcheu und Verachtung, ja in einem höhern Grade vielleicht, als der Charakter, der feſt und conſequent ſeine gegen das Sittengeſetz ge⸗ faßten Grundſätze im Leben verwirklicht. Der Charakter, der Feſtig⸗ keit in ſeinen auf falſche Bildung und Täuſchung baſirenden Grund⸗ ſätzen zeigt, der, von Stolz und Ehrgeiz mächtig angeſpornt, vorzieht, ſich den Tod zu geben, als im Leben eine moraliſche Niederlage zu erleiden, als ſeinen Principien untreu zu werden, kann uns eine ge⸗ wiſſe Bewunderung entlocken. Gewiß iſt, daß die Conſequenz im Böſen das Gefühl des ſittlich guten Menſchen bei Weitem nicht ſo unange⸗ nehm berührt, wie die Zerfahrenheit, die Unzuverläſſigkeit, die Charakter⸗ loſigkeit, die ſich oft mit einzelnen guten Handlungen den Namen eines guten Charakters anmaßen möchte und ſomit ihre Zuflucht zur Heuchelei und Scheinheiligkeit nimmt, oder ihre nicht abzuleugnenden, zu ſehr in die Augen fallenden Fehler mit der Güte ihres Herzens entſchuldigen möchte.—
Die Erfahrung lehrt uns, daß oft charakterloſe Menſchen ein weiches, gefühlvolles Herz haben. Man löst dieſe auffallende pſycho⸗ logiſche Erſcheinung, indem man ſagt:„das Herz iſt mehr ein Geſchenk der Natur, der gute Charakter iſt das Werk der Bildung und der Zucht.“ Uns ſcheint jedoch dieſes gute Herz mit dem Grundweſen des kraft⸗ loſen Charakters nicht ganz außer Zuſammenhang zu ſtehen. Der Charakterloſe zeichnet ſich eben durch größere Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, die er momentan auf ſich wirken läßt, aus; er beſitzt nicht die Kraft, ſich denſelben energiſch zu widerſetzen. Tritt nun z. B. ein unglückſeliger, Unterſtützung bedürftiger, ſchon durch äußere Umſtände Mitleid erregender Menſch an ihn hinan, ſo folgt er bei etwaiger Hilfeleiſtung nicht dem Pflichtgefühl, den moraliſchen Grundſätzen Ge⸗ nüge zu leiſten, ſondern dem momentanen äußeren Eindrucke, deſſen er ſich nicht erwehren kann. Es fließt die That nicht aus der reinen Quelle des feſtens Strebens für das Gute und Edle, der treuen Er⸗ füllung der Humanitätsgeſetze.
Fragen wir nun, nachdem wir den Charakterbegriff nach ver⸗ ſchiedenen Seiten entwickelt: durch welche Mittel kann Charakterbildung, Charakterfeſtigkeit erſtrebt werden?
Drei Factoren bilden vorzüglich den Charakter: das Haus, die Schule und äußere Verhältniſſe.


