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denſelben in allen Lagen treu bleibt ¹). Der Menſch von Charakter folgt einer innern Nothwendigkeit, einem von Vernunft und Moral dictirten Geſetze und ordnet ſich frei dieſem Geſetze unter. Das Sitten⸗ geſetz gewinnt bei ihm feſten Boden, gewinnt Leben und übt Herrſchaft über ſein Wollen; er fühlt ſich gleichſam an das Gute gebunden. Dieſe freiwillige Unterordnung erhebt den Menſchen erſt zu ſeiner eigent⸗ lichen Würde; dadurch unterſcheidet er ſich von allen andern Weſen. Alle andere Weſen folgen einem blinden Naturgeſetze, der Menſch allein hat freien Willen, freie Selbſtbeſtimmung. Freilich entſteht aus dieſer Wahl ein großer, ernſter und oft heißer Kampf im Menſchen; allein kein Sieg ohne Kampf. Freilich„koſtet die Tugend Mühe,“ allein „was wäre ſie, wenn ſie nicht kämpfen müßte?“ Die uns verliehenen Kräfte und Anlagen, ſo ſie zur entſprechenden Entwickelung unter der Pflege der Erziehung herangereift, bürgen uns dafür, daß wir ſiegreich dieſen Kampf beſtehen werden!—
Man kann von einem Charakter ſchon voraus beſtimmen, wie er in dieſem und jenem Falle handeln würde, weil ſein Handeln durch feſtſtehende Geſetze, die in eines jeden Menſchen Bruſt gezeichnet ſind, gemaßregelt wird, und doch handelt er ſo, weil er will, weil er ſich dieſem innern Geſetzgeber unterordnet. Im Gegenſatze zu einem ſolchen Charakter ſteht der, der oft ſein Ohr verſchließt der Stimme des innern Sittenrichters, dem das Stätige, das Zuverläſſige fehlt. Das Wankelmüthige iſt an die Stelle des Energiſchen und Kräftigen ge⸗ treten. Er iſt heute das directe Gegentheil von dem, was er geſtern war; die Wahrheit, die geſtern bei ihm hoch und theuer war, iſt ihm heute um jeden Preis feil; er verleugnet heute die Grundſätze, die er geſtern mit Wort und That bekannte. Sein Ohr iſt offen der Verführung und taub der Gewiſſensſtimme. Die ſittliche Freiheit iſt ihm zur Willkür geworden. Er gleicht einer Wetterfahne, die ſich bewegt und wendet, ohne Feſtigkeit, ohne Widerſtandskraft.
Ein ſolches Charakterbild erregt bei dem ſittlich guten Menſchen
¹) Daß ein erſchöpfender deutſcher Ausdruck in dieſer letzteren Bedeutung des Wortes fehlt, iſt aus den mannigfaltigen Ueberſetzungsverſuchen erſichtlich: Charakter wird durch Eigenheit(Göthe), Gemüthsart, Gemüthsbeſchaffenheit, Sit⸗ tengepräge, Sinnesart(Campe), Denkungsart(Kant), Gemüth, Herz(Heyſe) ꝛc. ꝛc. überſetzt.


