Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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mit gutem Unterrichte allein, ſo unentbehrlich dieſes kräftige Erziehungs⸗ mittel, ſo groß die Stütze auch iſt, die dasſelbe in der Erziehung zur Charakterfeſtigkeit bietet, wir nicht zum Ziele gelangen.

Daß manche Eltern in dem irrigen Glauben befangen ſind, daß das Gute, der feſte Wille ſich ſchon von ſelbſt bilden, und das Böſe in dem Kinde ſchon mit der Zeit ſpurlos verſchwinden werde, daß Alles ſeine Zeit habe, iſt eine bekannte Erfahrung.

Wir möchten zu dieſem noch hinzufügen, daß ebenſo, wie es möglich iſt, daß durch andere Intereſſen, die in den reiferen Jahren in dem Zöglinge rege werden, kindliche Fehler ſich von ſelbſt verlieren können, auch Züge, die liebenswürdig und anmuthig machen und von eitlen Eltern als bleibende Charakterzüge betrachtet werden, gar nichts Zuverläſſiges bieten, ja gar oft, wenn ohne feſten Kern, gleich einem Schattenbilde, täuſchen und plötzlich verſchwinden können.

Kann ſich mithin der Erzieher in der Beobachtung deſſen, was ſich in eines Kindes Gemüth regt und in der Beurtheilung desſelben für die künftige Charakterbildung täuſchen; ſo dürfen wir uns dennoch nicht der wichtigen Aufgabe der Beobachtung entziehen, nicht verſäumen, uns die daraus reſultirenden Erziehungsmittel klar zu machen. Worin dieſe Aufgabe beſteht, welche Erziehungsmittel wir anzuwenden haben, um das Kind zur Charakterfeſtigkeit heranzubilden, dieſes wollen wir verſuchen mit unſeren ſchwachen Kräften, bei unſerer ſo ſpärlich zugemeſſenen Zeit, annähernd in dieſen Blättern darzulegen.

Charakter hat jedes Weſen und jedes Ding, d. h. es haftet an jedem Weſen ein Kennzeichen, ein Merkmal, eine Eigenthümlichkeit, wodurch es ſich von andern Dingen unterſcheidet. Wenn wir mithin bei einem Dinge oder Factum den Ausdruck Charakter gebrauchen, ſo verſtehen wir die Eigenthümlichkeit dieſer Begebenheit, das beſondere Gepräge dieſes Dinges darunter.

Bedienen wir uns beim Menſchen des Wortes Charakter, indem wir kurzweg ſagen: der Menſch hat Charakter, ſo bezeichnen wir den Menſchen damit, der ſich von feſten Grundſätzen leiten läßt und