Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
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kraft zu üben und zu ſchärfen, ſein Gemüth empfänglich zu machen für alles Gute, Wahre und Schöne, nicht ſelten wird er ſich fra⸗ gen: Wird das ausgeſtreute Saatkorn, nachdem es Wurzel gefaßt, zur Entfaltung und Blüthe gelangt iſt, das Unwetter der Leidenſchaften ruhig vorüberziehen laſſen können, ohne von demſelben verletzt oder gar zerſtört zu werden?

Mancher Vater oder Erzieher wird zwar ſagen: Wir haben den Jüngling mit allen möglichen Kenntniſſen ausgeſtattet, er verſteht es, was die Hauptſache iſt, ſich in jeder Geſellſchaft zu bewegen, er hat Takt, Anſtand und weiß angenehm zu unterhalten. Dafür haben wir Sorge getragen! Ob nun unſer Sohn den reizenden Verführungen zu widerſtehen vermag, ob er ſich charakterfeſt im Leben bethätigen wird dafür zu ſorgen lag uns nicht ob, ja noch mehr, das lag gar nicht in unſerer Macht. Das Leben mit ſeinen Erfahrungen bildet den Charakter. Der Charakter, ſo ſagt man, muß ſich von ſelbſt bilden.

Wie? Es läge alſo gar nicht in unſerer Hand, zur Charakter⸗ feſtigkeit, zur Beharrlichkeit, zur Conſequenz im Guten ſchon in den Kinderjahren den Keim zu legen? Wir koͤnnten in dieſer Beziehung ganz ruhig die Hände in den Schooß legen und es der Zukunft über⸗ laſſen? Wir hätten uns nicht zu fragen, wenn unſer Sohn in ſpä⸗ teren Jahren ein Spielball äußerer Einflüſſe geworden wäre, wenn er auf dem wildtobenden Meere der Leidenſchaften von dem wogenden Strudel hinabgetrieben würde in den Abgrund des Laſters; waren uns keine Mittel geboten, unſer Kind zu ſtählen gegen dieſen Andrang? haben wir nicht durch falſche Behandlung des Kindes vielleicht zu dieſer falſchen Richtung und verkehrten Entwickelung abſichtslos bei⸗ getragen?

In unſerer Zeit, in welcher man Nichts ſpart, wie man ſich populär auszudrücken pflegt, für Unterricht und Bildung der Jugend, und gleichwohl trotz alles Wiſſens Charakterloſigkeit, Schlaffheit, Mangel an Thatkraft nicht zu den Seltenheiten gehört; in einer Zeit, in welcher nicht ſelten der Jüngling nach zurückgelegtem Schulleben, nach erlangter Selbſtſtändigkeit die guten Lehren als etwas Läſtiges über Bord wirft, in ſolcher Zeit dürfte es ſich lohnen, die Erziehungsmittel für Charakter⸗ feſtigkeit ernſt in's Auge zu faſſen und uns wiederholt zu ſagen, daß