Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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Hermann Francke den Auftrag bekam, als eine Fortſetzung die heilige Apoſtelgeſchichte heraus⸗ zugeben, ſo hatte er in der Vorrede zu ſeinem Buch Gelegenheit, ſich über den Antheil aus⸗ zuſprechen, den er für ſeine Perſon von dem Werke des Freiherrn für ſich in Anſpruch nehmen durfte.Es ſind nunmehr(1725) eben zehen Jahre, ſchreibt er im Vorbericht, da die gött⸗ liche Vorſehung des höchſten Regierers aller Dinge mich unwürdigen von Halle, woſelbſt ich mehrere Jahre unter göttlichem Segen studiret hatte, nach Berlin zu dem Wohlſeligen Herrn Baron von Canſtein.... geführet hat, um demſelben bey ſeiner damals vorhabenden Arbeit über die vier Evangeliſten in gewiſſen Stücken behüflich zu ſeyn. Da denn meine Arbeit und mein Dienſt theils im Niederſchreiben der Erklärungen und Anmerckungen des wohlgedachten Freyherrn, theils in einigem Beytrage zu dem Wercke ſelbſt, beſtund. Solcher Beytrag aber geſchah durch Uebergebung einiger Gedancken und Anmerckungen, welche ich, zum Theil aus eigener Betrachtung des Textes der Evangeliſten, zum Theil auch aus gewiſſen Büchern und geſchriebenen Collegiis oder Academiſchen Lectionen über dieſelben, auf des ſeligen Herrn Befehl, verzeichnet hatte. Woraus denn derſelbe nachmals dasjenige, was ihm gut deuchte, nahm, mit ſeiner eigenen Arbeit und Sammlung verband, und mir in die Feder dictirte: ſo, daß dabey in der Harmonie ſelbſt(ein anders war es mit der Einleitung) auch die Art des Vertrags faſt durchgehend blieb, wie ſie von ihm abgefaſſet war; nachdem er in derſelben von jemanden etwas ändern zu laſſen darum Bedencken trug, weil er beſorgte, es möchte darunter die Sache ſelbſt und deren Sinn eine Veränderung leiden.**4)

Was die eingeklammerte Stelle anlangt, ſo kann ein Zweifel entſtehen, ob Lindhammer ſich bei der Einleitung eine überarbeitende oder beſſernde Hand zuſchreibt; allein bei der ſonſt hervortretenden Offenheit hätte er das wohl angegeben: vielmehr ſcheint der Baron den Vor⸗ bericht und die übrigen einleitenden Theile des Buchs nachträglich ſelbſt noch durchgearbeitet zu haben, wie denn dieſe Partieen in Wirklichkeit am meiſten das Gepräge ſeiner übrigen wiſ⸗ ſenſchaftlichen Arbeiten an ſich tragen. Im großen und ganzen verfuhr mithin der Freiherr durchaus ſelbſtſtändig, nur daß er den ihm nicht bequem zugänglichen Stoff in gelehrten theo⸗ logiſchen Auslegungen ſich von dem Theologen mundrecht machen ließ und den jungen Mann als Amanuenſis benutzte.

Nahe an ſieben Jahre, bis zum Ende des April 1718, arbeitete der Freiherr an der Evangelienharmonie. Sie ſollte natürlich in dem Verlage der Buchhandlung des Waiſenhau⸗ ſes zu Halle erſcheinen. Die Verhandlungen darüber ziehen ſich durch die Briefe der vorher⸗ gehenden Jahre. Der Vorſteher der Buchhandlung, Heinrich Julius Elers, beſpricht ſchon ſeit 1715 bei dem Sommeraufenthalt in Berlin alles ſehr genau mit dem Freiherrn. Der⸗ ſelbe muß Vorſchüße machen, damit das nicht unanſehnliche Buch hergeſtellt werden könne. Er läßt ſich zu allem bereit finden und ſorgt ſelbſt in der umſichtigſten Weiſe für einzelne

24) Der... Apoſtel⸗Geſchichte.. Erklärung und Anwendung.. von Johann Ludwig Lindhammer. (Halle 1725.) Vorbericht ſ.§. 1 und 2..