Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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Auch war er zu derſelben Zeit, als das Michaelisſche Bibelwerk ſeiner Vollendung ent⸗ gegenreifte, für ſeine eigene Perſon an einem größeren Werke beſchäftigt, mit welchem er einen Dienſt unmittelbar an der heiligen Schrift zu üben und dem einen Zweck ſeiner Zeit gerecht zu werden wünſchte. Im Frühjahr 1711 war er derSpeneriſchen Maſſe ledig geworden: ſeine Vorrede zu den von ihm herausgegebenen letzten theologiſchen Bedencken Speners hatte er am 4. April 1711 vollendet. ²⁰) Aus Bruchſtücken ſeines Tagebuchs, die Porſt hinter den Perſonalien mittheilt, iſt erſichtlich, daß er nach zwei Monaten ſich zu einer größeren wiſſen⸗ ſchaftlichen Arbeit entſchloſſen habe, welche die Auslegung des Neuen Teſtamentes zum Gegen⸗ ſtande haben ſollte.1711 den 31. Maji und 1. Juni. Bin ſchlüßig worden, eine Arbeit über das Neue Teſtament zu übernehmen. Dem H§Errn iſt am beſten bekant, aus welchen bewegenden Urſachen, in welcher Abſicht. Ach HErr! ſey doch in mir mächtig durch deine all⸗ mächtige Gnade. Mache mein Hertz gewiß, daß wie du dazu das Wollen gewircket, alſo wer⸗ deſt du auch das Vollbringen geben. Du kenneſt meine Schwachheit, aber ſo viel mehr wird dir von mir und andern dafür Preis und Lob gebracht werden. Erfülle auch bey dieſer Arbeit deine Verheiſſung. Pſalm 32, 8. Ich will dich unterweiſen und dir den Weg zeigen, den du wandeln ſolt. Ich will dich mit meinen Augen leiten. Nun meine Augen ſehen nach dir, der du alles in allem biſt in deinen armen Kindern. Verwirf mich nur nicht von deinem Angeſicht. ²¹).

Es läßt ſich nicht weiter nachweiſen, wie lange der Freiherr in Betreff des Stoffs und der Form dieſer Arbeit über das Neue Teſtament unſchlüßig geblieben iſt, auch nicht, wie lange er ganz allein an ſeinem Buch gearbeitet hat. Was das erſte anlangt, ſo ſcheint er dem wiſſenſchaftlichen Zuge ſeiner Zeit gefolgt zu ſein, den Valentin Ernſt Löſcher in ſeinen un⸗ ſchuldigen Nachrichten eigens hervorhebt, daß nämlich das Bibelſtudium ſich vornehmlich den Evangelienharmonieen zugewendet habe. ²²) Wenn alſo der Freiherr mit ſeiner Auslegung zuerſt bei den heiligen Evangelien anfieng, ſo unternahm er es, nicht eine auslegende Behand⸗ lung der einzelnen zu geben, ſondern die heilige Geſchichte in ein Ganzes zu verweben, mit andern Worten, harmoniſtiſch zu verfahren. Ferner wird er ſehr bald zu der Ueberzeugung gekommen ſein, daß er als Laie einen Theologen von Fach zur Seite haben müſſe. Homann iſt nun im Sommer 1712 noch in Halle Erzieher des jungen Grafen von Zinzendorf, auch liegen keine Andeutungen vor, daß vor ihm ein anderer Theologe dem Freiherrn gedient habe. Lindhammer aber iſt jedenfalls derjenige geweſen, der ſich um das Buch des Freiherrn am meiſten verdient gemacht hat, da er von einem Zeitgenoſſen als der alleinige theologiſche Helfer bei dem Werke bezeichnet wird.²³) Da derſelbe nach dem Tode des Freiherrn von Auguſt

20) Herrn D. Philipp Jakob Speners.... Letzte Theologiſche Bedencken.. Nebſt einer Vorrede Hrn. Baron Carl Hildebrand von Canſtein...(Halle 1711) Vorrede S. 104.

21) Memoria Cansteiniana S. 78.

22) Unſchuldige Nachrichten u ſ. w. 1707 S. 387.

23) Lange a. a. O. S. 400.