Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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Werke beſchäftigt, das den Fleiß des Collegiums und ſeines Vorſtehers, des Profeſſors Mi⸗ chaelis, von da an noch vierzehn Jahr in Anſpruch nehmen ſollte.Anietzo haben ſie auch inſonderheit dieſe Arbeit unter Händen, daß ſie(unter Direktion beſagten Herrn Professor Michaelis[Anmerkung von Francke]) mit Edirung einer Hebräiſchen Bibel beſchäfftiget ſind, dergleichen etwa noch zur Zeit nicht wird ans Licht gebracht worden ſeyn, in dieſen Stücken, die ſowol die ſorgfältige Zuſammenhaltung mit alten geſchriebenen Exemplarien, als auch die Unterſuchung nach der Maſora, ingleichen loca parallela, wie nicht weniger nützliche und zur tiefern Einſicht des Textes ein groſſes beytragende Anmerckungen betreffen.*¹²) Allerdings war dieſe Gemeinſchaft und damit die dieſem Werke zugewendete Arbeit durch Auguſt Her⸗ mann Francke 1702 hervorgerufen worden, allein dieſe Stiftung wurde nur dadurch möglich, daßdiejenigen Studiosi, welche keine Mittel haben, in allem frey gehalten werden, wie der Freiherr ſelbſt berichtet, und dazu gab er das meiſte:es war dem... Herrn Baron eine gantz beſondere Freude, daß er dabey unterſchiedliche Membra mit einem reichlichen Stipendio unterhalten konte. Und wie willig und gerne er ſolches gethan, kan man auch daraus ſchlieſſen, daß er auch keine Danckſagung dafür anhören wolte, ſondern, wenn ſolche bezeuget ward, ſie mit dieſen kurtzen und freundlichen Worten ablehnete: Es iſt meine Schuldigkeit, meine Schuldigkeit. ¹³) Chriſtian Benedict Michaelis z. B. erhielt ungefähr 1702 von dem Freiherrn ein Stipendium von fünfzig Thalern, das in vier Jahren auf hundert und lunid Thaler anwuchs und bis zu des Freiherrn Tode fortdauerte. ¹⁴)

Der Vorſteher des orientaliſchen Collegiums, Johann Heinrich Michaelis, übernahm ſich in der Folge ſo bei dem Werke, daß ſeine Kräfte, nachdem er überdieß vom Juli 1712 an das einjäh⸗ rige Prorektorat der Univerſität verwaltet hatte, völlig verzehrt waren. Es ward für das beſte ge⸗ halten, daß er Halle auf einige Zeit verließe und da er ſelbſt nicht in der Lage war, die Koſten eines Aufenthaltes in einem Bade oder an einem andern Orte zu beſtreiten, ſo machte der Freiherr ihm den Vorſchlag, zu ihm nach Berlin zu kommen und in ſeinem Hauſe in der Stadt oder auf dem nahe gelegenen Gut ſich zu erholen und die Arbeit, wenn es angienge, fortzuſetzen. In Briefen des Freiherrn an Auguſt Hermann Francke ¹⁵) wurde dieſe Sache im Frühjahr 1714 ausführlich beſprochen und zu Ende geführt. Unter anderem ſchrieb der Freiherr:Berlin den 31. Martius 1714. Hertzgeliebſter Freund. Es hat N.(General von Natzmer) mit dem K.(König) geſprochen.... 2) Wegen Hrn. Michaelis, daß nicht allein um ſeiner Geſund⸗

12) Frantzöſ. Sendſchreiben, S. 7.

13) Lange, a. a. O. S. 398.

14) v. Dreyhaupt, Pagus Neletici et Nudzici,... Beſchreibung des Saal⸗Kreiſes u. ſ. w.(Halle 1755.) Th. II. S. 670.*

15) Die Mehrzahl der Briefe des Freiherrn an Auguſt Hermann Francke ſind erhalten und befinden ſich auf der Bibliothek des Halliſchen Waiſenhauſes. Drei zuſammengeheftete Bändchen enthalten Briefe aus den Jahren 1698 1719, ein kleineres enthält eine Anzahl ohne Datum, die aber zum Theil durch ihren Inhalt ſich legitimieren. Im Ganzen ſind es zwiſchen 1600 und 1700.