Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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geſchrieben hatte, in ſich hält: Du biſt mir alles, o HErr, und zu dir nahen, iſt all mein Gut; Ingleichen was der lateiniſche Vers des ſel. Waltheri beſaget: Una salus mihi sunt sacra Biblia, sola voluptas, Queis perscrutandis immoror, immoriar. Das iſt: Die Heilige Schrift iſt mein einziges Heyl und alleiniges Vergnügen, in deren Erforſchung ich mich beſtändig beſchäfftige, und auch darinnen erſterben will. Welchen Vers Er ebenfalls da⸗ ſelbſt verzeichnet hat.*) Auch die zahlreichen Anführungen von Schriftſtellen, denen man in ſeinen Briefen begegnet, beweiſen zur Genüge, daß der Freiherr wußte, was er an der hei⸗ ligen Schrift hatte.s8) Nach demjenigen aber, was im vorigen) über ſeine wirkſame Hilfe bei der Verfolgung anderer weſentlicher Ziele jener Zeit geſagt iſt, muß es mehr als wahr⸗ ſcheinlich ſein, daß er auch der genannten großartigen Beſtrebung ſich nicht entzogen hat. Das Dunkel, welches ſelbſtverſtändlich die uns nun ſchon ferne Zeit in Beziehung dar⸗ auf deckt, inwiefern der Freiherr eine mittelbare Einwirkung ausgeübt hat, daß die heilige Schrift mehr geleſen und beſſer verſtanden werde, weicht für einen beſtimmten Fall, da im allgemeinen bekannt iſt, in welcher Weiſe er das Zuſtandekommen des Bibelwerkes gefördert hat, welches nach Johann Heinrich Michaelis, der vornehmlich dabei thätig geweſen iſt, iſt genannt worden. In dem Franzöſiſchen Sendſchreiben, welches er im Herbſt 1706 über die zu Glaucha an Halle gemachten Anſtalten verfaßte, gab er an erſter Stelle von einem Col- legium Orientale Theologicum Rechenſchaft,welches beſtehet aus einigen Studiosis, die darinnen als Membra aufgenommen worden, nachdem ſie ſich ſchon zuvor etliche Jahre im Studiren und in der Gottſeligkeit fleißig geübt hatten. 1⁰0) Damals waren es nur zehn, doch wurde die Zahl ſpäter erhöht. Der Hauptzweck war,an ihnen ſolche Männer zuzube⸗ reiten, welche zu wichtigen Aemtern, ſonderlich zu academiſchen Professionen könten ge⸗ brauchet werden. ¹¹) Schon zu jener Zeit, als der Freiherr berichtete, waren ſie an dem

7) Memoria Cansteiniana, oder Freyherrliches Denk⸗Maal des Hochwohlgebornen Herrn, Herrn Carl Hildebrand, Freyherrn von Canſtein, u. ſ. w.(Halle 1722.) Es ſind dieß die auf den Freiherrn 1719 und 1720 zu Berlin und Halle gehaltenen vier Leichenpredigten von Porſt, Raue, Breithaupt und Francke. Hinter der Gedächtnißpredigt Porſts ſtehen die Perſonalien, die Hauptquelle für die bis⸗ herigen Darſtellungen des Lebens des Barons von Canſtein. Die angezogene Stelle ſ. S. 69. f.

8) Barthold, a. a. O. Abth. I. S. 217 f. bemerkt:Der Freund Speuers(v. Canſtein) verſenkte ſich etwas trübſinnig in das Studium der Bibel, eine Behauptung, welche des Beweiſes ermangelt.

9) Des Freiherrn von Canſtein Einfluß auf die Beſetzung von Aemtern, auf die Erziehungsanſtalten in Halle und Königsberg i. Pr., auf die Armenpflege in Glaucha vor Halle u. ſ. w. war in den vorher⸗ gehenden Kapiteln beſprochen worden.

10) Zweite Fortſetzung der wahrhaften und umſtändlichen Nachricht vom Wayſen⸗Hauſe... in einem Fran⸗ tzöſiſchen Sendſchreiben von dem.... Freyherrn von Canſtein,.... Teutſch in Druck gegeben von Auguſt Hermann Francken u. ſ. w.(Halle 1709) S. 5..

11) Carl Hildebrand Freiherr von Canſtein,... Lebensbeſchreibung... D. Phil. Jacob Speners... mit angehengtem Lebenslauf des gedachten Herrn Barons... von D. Joachim Lange.(Halle 1740) S. 398.