Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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Männer alsbald mit Spener in unmittelbare Verbindung ſetzte. Francke berichtet darüber weiterhin:Da nun obenerwehntes collegium angefangen war, kam bald drauff Hr. D. Spener als Churfl. Ober⸗Hoffprediger nach Dreßden, welches Hrn. L. Antonio gelegenheit gab, eine disputationem welche er gehalten, in Erinnerung der in Franckf. an denſelben geſuchten Kund⸗ ſchafft, ihm zuzuſenden, und einen kleinen Bericht quo obiter von dieſem unſerm instituto anbeyzufügen. Den theuren Mann hatte nicht wenig erfreuet, daß er gleich bei ſeiner An⸗ kunfft von einer unter denen studiosis entſtehenden Liebe zum Worte Gottes vernehmen ſolte, und ob er wol erkante, daß wir noch mehrentheils vom rechten Zweck ziemlich möchten ent⸗ fernet ſeyn, ſuchte er dennoch durch guten Raht und zu Gottes Ehre reifflicher zielende Vor⸗ ſchläge unſerm geringen anfange auffzuhelfen. Wegen des wachſenden Beifalls und Erfolges mußten die hervorragendſten Mitglieder Verfolgung tragen, der Name der Pietiſten kam für die Freunde des Collegiums auf, in dem berühmten Gedicht wurde als das erſte Kennzeichen eines Pietiſten aufgeſtellt:Der Gottes Wort ſtudiert: ſo iſt die Neubelebung der Theil⸗ nahme für die heilige Schrift im Intereſſe des einzelnen Chriſten und des Ganzen der Kirche von vorn herein ein weſentliches Merkmal des damaligen Pietismus.

Ein hervorragender Vertreter desſelben muß demgemäß an der Arbeit die Bibel dem allgemeinen Bewußtſein nahe zu bringen in demſelben Maaße thätigen Antheil genommen haben, in welchem er ſelbſt an dem eigenen Herzen die Wirkung des auch durch das Wort der Bibel wirkenden heiligen Geiſtes erfahren hatte und zur Löſung der hauptſächlichſten Aufgaben mit berufen war. Der Freiherr Carl Hildebrand von Canſtein) hatte perſön⸗ lich eine Stellung zur heiligen Schrift, die ſein Leichenredner Porſt mit folgenden Worten beſchreibt:Er richtete ſeinen gantzen Sinn und alle ſeine Bemühung, dem obengedachten Vorſatze gemäß(Gott ſein Leben lang zu dienen,) auf den Dienſt Gottes, auf ſein Wort, auf das Studium Theologiae, und auf die genauere Erlernung und immer tiefere Erkennt⸗ niß der göttlichen Wahrheiten, mit der einigen Abſicht, dieſelbigen als einen guten Schatz in ſein Hertz zu faſſen, und damit auch wiederum zur Ehre GOttes und Erweiterung ſeines Reichs unter den Menſchen zu wuchern. Es traff alſo in der Wahrheit bei Ihm ein, was der Spruch, den Er vorn in ſeine Bibel und in ſein Griechiſches neues Teſtament

6) Carl Hildebrand Freiherr von Canſtein, geboren 1667 den 4. Auguſt a. St. auf Lindenberg, ſüdlich von Fürſtenwalde, dem Gute ſeines Vaters, eines churbrandenburgiſchen Oberhofmarſchalls und Kam⸗ merdirektors, verlor ſeinen Vater früh, ſtudierte 1683 1686 in Fraukfurt a. O. Jura, promovierte

1685, machte bis 1688 eine Studienreiſe, wurde 1689 Kammerjunker, etwa 1692 Soldat und gelobte zu Brüſſel an der rothen Ruhr lebeusgefährlich erkrankt, ſein Leben Gott zu opfern, wenn er geſund würde, zog ſich darauf in Berlin von jedem Amte zurück, und lerute 1634 am Sarge ſeiner Mutter

Spener kennen, der ihn erweckte. Seitdem war er Speuers täglicher Umgaug, von 1705 an Ver⸗ walter ſeines litterariſchen Nachlaſſes und ſein Biograph. In Berlin ſcheint er eine Zeit lang ein Ver⸗ treter der pietiſtiſchen Bewegung geweſen zu ſein. Mit der theologiſchen Fakultät der Uniperſität Halle ſtand er in naher Verbindung, und an der Gründung und erſten Erhaltung des Waiſenhauſes war er tief betheiligt.

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