Aufsatz 
Der Dienst des Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein an der heiligen Schrift. Bruchstück eines Beitrags zur Geschichte des Spenerisch-Franckischen Pietismus
Entstehung
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nach dem Empfang und Genuß der vollen in der Reformation gegebenen Wahrheit, und es bedurfte eines neuen Anſtoßes, um die Glieder⸗ der lutheriſchen Kirche zum Beginn des ihr ge⸗ wieſenen Werkes zu mahnen.

Spener hatte ſchon 1685 dem Gefühl der Betrübniß und Entrüſtung über eine derartige Entfremdung lutheriſcher Chriſten gegen die Quelle aller Bekenntniſſe in einem Vorwort Worte geliehen, welches von ihm zu einer neuen Ausgabe der Poſtille Johann Arnds auf den Wunſch des Verlegers war geſchrieben worden. In dieſem Vorwort, welches kurz darauf ſelbſtändig unter dem Titel:Pia desideria: oder Hertzliches Verlangen nach Gottgefälliger Beſſerung der wahren Evangeliſchen Kirchen, ſampt einigen dahin einfältig abzweckenden Chriſtlichen Vor⸗ ſchlägen herauskam, ſtellte Spener an die Spitze aller ſeiner Rathſchläge:Daß man dahin bedacht wäre, das Wort Gottes reichlicher unter uns zu bringen.*³) In der Ausführung rieth er unter anderem zur Vermehrung der Andachtsmittel und auch dazu,außer der öffentlichen Verkündigung das Leſen der heiligen Schrift, beſonders des Neuen Teſtaments, zu einer Be⸗ ſchäftigung häuslicher Andacht zu machen. ⁴¹) Es war eine in Speners Sinne entſtehende Bewegung auf einer Hochſchule, welche, wenn ſie auch mehrere Jahre ſpäter und auf einem ganz andern lutheriſchen Kirchengebiete ihren Anfang nahm, ſeinem Vorſchlage, wenn man will, die erſte Feindſchaft zuzog und damit ihn erſt recht wirkſam machte. Das collegium philobiblicum der jungen Magiſter in Leipzig, welches 1686 zuſammentrat, war im Grunde weiter nichts als eine Antwort auf Speners Wort. Aug. Herm. Francke erzählt davon in ſeinem von ihm ſelbſt verfaßten Bericht über denAnfang und Fortgang ſeiner Bekehrung:

..M. Paulus Antonius.... fiel einmahl mit mir auff den discours, daß das studium der beyden fundamental Sprachen, nemlich der griechiſchen und Hebreischen ſo wenig exco- liret würde, welches wir beyde alſo mit einander beklagten, biß endlich gedachter Hr. Anto- nius wünſchete, daß die magistri ſelbſt unter einander ſich darinnen üben möchten, welches mir ſofort wolgefiel, und auch mit dazu rieth, daß wir dergleichen je eher je lieber anfangen möchten, und da wir es alſo untereinander abgeredet, ſprachen wir unſeumig einige gute Freunde unter denen magistris drum an, daß ſie mit uns zuſammentreten, und dergleichen collegium anfangen möchten, welches von ihnen auch gleich beliebet, und der anfang dazu des nächſten Sontags gemacht war. Dieſe erſte abrede war dieſe, daß wir alle Sontage 2 Stun⸗ den, von 46 Uhr, nehmlich nach geendeter Predigt, wolten beyſammen ſeyn, da dann erſtlich einer ein Capitel aus dem A. und dann einer ein Capitel aus dem N. T. kürtzlich exbliciren und appliciren ſolte, und zwar nach der Ordnung der Bibliſchen Bücher, wie ich denn alſo in der erſten lection explicirte Cap. 1. Geneseos und Hr. Antonius in derſel⸗ ben lection Cap. I. Mathaei.) Es iſt bezeichnend, daß ſich die Gemeinſchaft der jungen

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3) Pia disideria, u. ſ. w. Philipp Jakob Speners...(Frankfurt a. M. 1680) S. 94. 4) Nach Hoßbach, a. a. O. Th. I. S. 129. 5) Der von Franckes eigener Hand verfaßte Bericht befindet ſich auf der Bibliothek des Waiſeuhauſes zu Halle.