Aufsatz 
Szenische Analyse des Sophokleischen Dramas Ajas Mastigophoros / von K. W. Piderit
Entstehung
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So erhalten wir gleich über die vielbeſprochene Ha rpifrage: wo wir den eigentlichen Zielpunkt unſerer Tragödie zu ſuchen haben, auf den Alles in kunſtvoller Geſtaltung von Anfang bis zum Ende angelegt ſei, eben aus einer Betrachtung der ſceniſchen Oekono⸗ mie des Dramas befriedigenden Aufſchluß.

Bekanntlich folgt auf Ajas Selbſtmord noch ein längerer Streit des Teukros mit den beiden Atriden um die Beſtattung des Leichnams. Statt nun bei einem künſtleriſchen Genie wie Sophokles, der ſelbſt Techniker ſicherlich jede techniſche Anordnung mit bewußter Beziehung auf die Idee des Ganzen getroffen hat, von der Thatſache dieſer äußeren Anlage auf den innern Entwickelungsgang der dramatiſchen Handlung zu ſchließen, und den Grund jener in dem Kunſtwerk ſelbſt zu ſuchen, hat man abgeſehen von Unächtheitserklärungen bald ange⸗ nommen, daß jene Schlußſcene gleichſam nur ein Tribut ſei, den der Dichter den Vorſtellungen ſeiner Landsleute über die Notwendigkeit der Leichenbeſtattung bringe, bald wie A. Schoͤll ¹) nach Fr. Oſanns Vorgang 2) alles auf Ajas Tod Folgende nur aus der Annahme einer Trilogie erklären zu können gemeint, deren erſtes Stück unſer Ajas, das zweite Teukros, das dritte Euryſakes geweſen, bald endlich in völlig verfehlter Weiſe die Entſtehung dieſesſo langgedehnten Nach⸗ ſpiels aus dem Beſtreben des Dichters hergeleitet, abſichtliche Be⸗ ziehungen und Anſpielungen auf Zeitverhältniſſe in ſeiner Dichtung anzubringen. Letzteres iſt neuerdings wieder in der oben angeführten

¹) Theils in den Beiträgen S. 535 ff., theils in des Verf. Sophokles Ajas deutſch in den Versmaßen des Originals mit einer Einleitung über den Sinn und Geſchichte der Aealidenfabel und einem Anhang über zwei zum Ajas gehörige Tragödien. Berlin 1842. S. 187 ff.

²) In der erwähnten Abhandlung: Ueber des Soph. Ajas. Eine krit. Unterſuchung nebſt 2 Beilagen. Berlin 1820.