Aufsatz 
Szenische Analyse des Sophokleischen Dramas Ajas Mastigophoros / von K. W. Piderit
Entstehung
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kurz zu bezeichnen, die geſammte ſceniſche Organiſation des Stücks. Bisher nämlich iſt, ſo zu ſagen, vorzugsweiſe die gei⸗ ſtige Seite des Ajasdramg's die dramatiſche Handlung in ihrem inneren Verlauf nach Anfang, Mitte und Ende, die Idee derſelben, die Perſon des Helden als des Trägers der Idee u. ſ. w. mehr vom äſthetiſchen Standpunkte aus und zwar vielfach in ſo um⸗ faſſender und tief eindringender Weiſe betrachtet worden, daß wir nach Schlegels, Solgers, Jacobs, Immermanns, Döderleins, K. O. Mül⸗ lers, K. F. Hermanns, Welckers u. a. äſthetiſchen Analyſen in dieſer Beziehung den Gegenſtand faſt für erſchöpft halten. Dagegen hat die Betrachtung der äußeren, leiblichen Geſtaltung unſeres Drama's, als eines autiken Kunſtwerkes der dramatiſchen Handlung in ihrem äußern Verlauf, nicht blos hinſichtlich der Bühneneinrichtung und ſonſtigen Scenerie, ſondern namentlich auch der kunſtreichen Rollenver⸗ theilung, der Gruppirung der lyriſchen Partieen u. ſ. w. nur allzu⸗ ſehr zurücktreten müſſen.

Zwar ſtehen nicht nur die Principien einer ſolchen ſceniſchen Analyſe nach den Forſchungen K. O. Müllers, K. F. Hermanns, u. a. Gelehrten im Allgemeinen ſo ziemlich feſt, ſondern wir beſitzen auch in des erſt Genannten Eumeniden und in der oben angeführten Recenſion in den Götting. gel. Anzeigen für den Ajas ſelbſt, eine lebendige Anwendung jener Grundſätze auf beſtimmte Tragödien. Da indeſſen nach K. O. Müllers eigener Erklärung ¹) dieſe Seiteein noch nicht erſchöpfter Stoff der Forſchung und der bewundernden Be⸗ trachtung iſt, ſo möchte es ſich des Verſuchs einer ſceniſchen Analyſe des Ajas um ſo mehr lohnen, je zuverſichtlicher wir hoffen dürfen, durch dieſelbe nicht blos die geſammte Kunſtgeſtalt der Tragödie, ſondern auch einzelne Partieen und Stellen in ein helleres Licht gerückt zu ſehen.

¹) A. a. O.(Götting. gel. Anz.) S. 1103.

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