Aufsatz 
Über das Leben des lateinischen Dichters Venantius Honorius Clementianus Fortunatus / von Thomas Bormann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

wol keinem Zweifel unterworfen, dass Fortunatus auf dieser Römerstrasse seine Reise fortgesetzt habe, zumal diese Annahme mit seinen eigenen Angaben übereinstimmt. Von der Drave aus wanderte er nun durch Noricum nach dem Inn hin. In Noricum nennt er an beiden Stellen den Fluss Birrus, den Mannert a. a. O. S. 656nach dem Verhältniss der beschriebenen Reise für den Inn hält; doch ist dieses ganz unrichtig; Mannert hat blos die angeführte Stelle des Paul. Diac. vor Augen gehabt; hätte er die betreffenden Worte des Fortunatus gelesen, so würde er diese Meinung nicht geäussert haben, da der Dichter an beiden Stellen den Inn und den Birrus als zwei ganz verschiedene Flüsse neben einander nennt. Was für ein Fluss letzterer nun sei, habe ich ebensowenig ganz sicher ermitteln können als die genauere Bestimmung der Lage der templa benedicti Valentini v. 646. Dass sich das Grab des Belgiers Valentinus, der um die Mitte des fünften Jahrhunderts in Tirol als Missionar wirkte, im Castrum Magiense befand, sagt uns eine alte Lebensbeschreibung dessélben bei Surius IV, 474; die Lage des Castells wird hier nur ganz allgemein bezeichnet durch die Worte in Alpibus sito; dass es aber in Tirol und zwar in der südlichen Hälfte desselben gelegen haben muss, geht daraus hervor, weil es unter der Herrschaft der Longobarden stand, als der h. Corbinian auf seiner Reise nach Rom daselbst vom longobardischen Herzoge Grimoald gefangen gehalten wurde; bekannt aber ist, dass seit dem Anfang des siebenten Jahrhunderts die Longobarden immer weiter in Tirol vorzudringen suchten und in diesem Streben mit den baierischen Beherrschern Tirols in Streit gerieten. Castrum Magiense könnte wol die altrömische Colonie Maje im Passeyerthal unfern Meran sein, die in der Zeit Karl des Grossen durch die von der wütenden Passeyer verursachten Bergstürze verschüttet wurde; dann müsste Fortunatus von der Drave aus nach Westen zu durch das Thal der Rienz, den Eisack hinunter, dann auf der Strasse hingezogen sein, die als die kürzeste Verbindung zwischen Botzen und Meran*) und der schon der Römerzeit bekannten Zollstätte auf der Töll (ad Teloneum) bekannt ist; bei dieser Annahme nun können wir unter dem Birrus entweder die Rienz oder den Eisack vermuten, da dieses die einzigen Flüsse sind, welche in der bezeichneten Gegend zwischen Drave und Inn fliessen. Jedenfalls lässt sich aus unseres Dichters Reiseangaben nur soviel ganz gewiss feststellen, dass der fragliche Fluss Birrus zwischen Drave und Inn zu suchen ist, also in dem alten Rätien, welcher Name jedoch bei ihm nicht vorkommt; er begreift es unter Norikum. Dommerich(die Nachrichten Strabo's über die zum jetzigen deutschen Bunde gehörenden Länder etc. Marburg 1848, S. 98 und 190) hält den Birrus gradezu für die Rienz, ohne es jedoch näher zu begründen; auch könnte es aus seiner Darstellung S. 98 scheinen, als führe Strabo denPirus(= Birrus) namentlich an, während doch ein solcher Flussname bei diesem Geographen nirgends vorkommt; an der angeführten Stelle VII, 5, 3 init. steht nur ν νεμασραν ταέυν q½uvvoidν..... 2ciει ITatoëgrcu; die von ihm S. 99 angezogene Stelle des Paul Warnefried beruht nur auf den Worten unseres Fortunatus, aus denen allein, wie schon bemerkt, kein unumstösslicher Beweis zu erbringen ist, dass unter dem Birrus die Rienz verstanden werden müsse. Vom Inn zog Fortunatus durch die Alpenpässe in das Gebirg der Breones, jener wilden Alpenvölker, die südlich von den östlichen Vindelikern zwischen Inn und Lech in dem tirolisch-bairischen Grenzgebirge wohnten und uns auch aus den Classikern unter dem Namen Breuni(Strabo IV, 6, 8; Ptolem. II, 13; Horat. Od. IV, 14, 10. 11) bekannt sind. Hierauf betrat er das Land der Bajoarier(deren Namen sich bei ihm und dem gleichzeitigen wiewol etwas älteren Jornandes zuerst erwähnt findet) zwischen Lech und Inn und die Stadt Augusta(Augsburg), wobei er zuerst unter allen lateinischen Schriftstellern den Fluss

*) Ein Ort St. Valentin liegt zwischen Botzen und Meran.