Aufsatz 
Über das Leben des lateinischen Dichters Venantius Honorius Clementianus Fortunatus / von Thomas Bormann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Tristius erro nimis patris vagus exul ab oris Quam sit Apolloniis naufragus hospes aquis; er beklagt sich, dass er seit neun Jahren der Abwesenheit von den Seinigen nichts gehört VII, 9, 6 10:

Exul ab Italia nono puto volvor in anno,

Littoris Oceani continuante salo;

Tempora tot fugiunt, et adhuc per scripta parentum

Nullus ab exclusis me recreavit apex. Möglich, dass der durch den 20jährigen gothisch-byzantinischen Krieg herbeigeführte elende Zustand Italiens, welcher durch die darauf folgende byzantinische Herrschaft mit ihrem schweren Abgabendruck und Büreaukratendespotismus nicht sehr gelindert ward, ihn zur Auswanderung bewog. Da er, wie wir bald sehen werden, nicht sehr lange vor dem Einbruch der Longobarden in Ober-talien auswanderte, so können auch mancherlei diesem neuen Einfall barbarischer Horden vorangehende unglückweissagende Gerüchte den Dichter, der in seiner frühen Jugend Augenzeuge der Leiden des Kriegs gewesen war, veranlasst haben sich nach einem Ruheplatz im Ausland umzusehen. Weshalb er aber grade ins fränkische Reich wanderte, das hat seinen Grund in einem religiôsen Drange, der ihn zum Grabe des h. Martin trieb; er bekennt es selbst V. Mart. I, 42:

1

Convenienter enim ratio quia vera poposcit Huius pontificis solvi præconia verbis, Cuius causa fuit hac me regione venire (das Gedicht ist in Gallien verfasst). Bekannt ist die grosse Verehrung, welche die lateinischen Christen dem berühmten Martin von Tours zollten, wie von nah und fern fromme Pilger zu dessen Grabe wallfahreten; diese Wallfahrt scheint unser Dichter in Folge eines Gelübdes angetreten zu haben. Einst litt er zu Ravenna an einem heftigen Augenübel; in der Kirche des h. Paulus und Johannes sah er ein Wandgemälde Martins, vor dem eine Lampe brannte, mit deren Öle er die kranken Augen bestrich; er erlangte Linderung der Schmerzen und Befreiung seiner Leiden; dieselbe ward auch seinem an demselben Ubel leidenden Freunde Felix, dem nachmaligen Bischofe von Tarvisus, zu Theil; er erzählte uns alles dies selbst V. Mart. IV, 664 66 und 678. 684 99: OQua mea Tarvisus residet si molliter intras, Illustrem socium Felicem quæso require, Cui mecum lumen Martinus reddidit olim. 678. Inde Ravennatum placidam pete dulcius urbem 684. Et pete Martini loculum, quo iure sacelli . Jam desperatum lumen mihi reddidit auctor. Munera qui tribuit saltem rogo verba repende. Est ubi basilice culmen Pauli atque Joannis; Est paries; retinet sancti sub imagine formam; Amplectenda ipso dulci pictura colore; Sub pedibus iusti paries habet arte fenestram; Lychnus adest, cuius vitrea natat ignis in urna. Huc ego dum propero, valido torquente dolore, Diffugiente gemens oculorum luce fenestris,