Aufsatz 
Über das Leben des lateinischen Dichters Venantius Honorius Clementianus Fortunatus / von Thomas Bormann
Entstehung
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Te mihi non alis oculis animoque fuisse,

Quam soror ex utero tu Titiana fores. Seine Bildung genoss er zu Ravenna, das, wie wir aus Cassiodor wissen, durch Theodorich den Grossen, dessen Residenz es war, nicht nur mit Prachibauten sondern auch mit Anstalten für Wissenschaft und Bildung geschmückt worden und ein Sammelplatz gelehrter Männer war. Hier blühte unter andern kurz vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts der Dichter Arator( 556), der von Theodorich mit der Würde eines comes domesticorum belohnt wurde(Cassiodor. epistol. VIII, 12), später aber seine weltlichen Ehrenstellen niederlegte, sich nach Rom begab, hier Subdiakon wurde und nun sein poetisches Talent der Verherrlichung des christlichen Glaubens widmete, indem er die Apostelgeschichte dichterisch bearbeitete; er weihete dieses Werk dem damaligen Papste Vigilius 544 und las es auf Bitten Vieler öffentlich in der Peterskirche vor(Baronius Annal. eccles. ad a. 544), was uns beweist, wie lange sich die Sitte der öſfentlichen Recitationen in Rom erhalten. Vermuten lässt sich, dass durch Arator unseres Fortunatus Dichtertalente geweckt worden sein mögen; dieser erwähnt ihn V. Mart. I, 22. 23:

Sortis Apostolico quæ gesta vocantur et actus

Facundo eloquio vates sulcavit Arator, und dass um diese Zeit in Ravenna ein Verein junger Dichter bestand, lässt sich aus Fortunatus eignen Worten schliessen, mit denen er sein Gedicht über das Leben Martins von Tours seinen zu Ravenna lebenden Freunden empfiehlt, denen er hiermit poetischen Stoff dargeboten habe. V. Mart. IV, 700 704:

Promptius effectu, precor, inde require sodales; redet er sein Gedicht an,

Si sociis loqueris, veniam pietate mereris,

Porrigo materiam quibus hanc ego, ut ore rotundo

Martini gestis florentia carmina pangant

Et claro ingenio texant spargenda per orbem. Unter seinen noch vorhandenen Gedichten sind die beiden ersten des ersten Buchs, worin er den Bischof von Ravenna, Vitalis, wegen Erbauung einer Kirche zu Ehren des Apostels Andreas lobt, unstreitig noch während seines Aufenthaltes daselbst gedichtet, da er von der Einweihungsfeierlichkeit als Augenzeuge spricht I, 21. 22; der erwähnte Beamte, der dux, ist wol niemand anders als der Exarch selbst; somit würe also das Gedicht zu einer Zeit verfasst, als Italien schon eine byzantinische Provinz war, und wir können also mit Grund wol annehmen, dass Fortunatus bald nach dem Jahre 555 mit dichterischen Versuchen aufgetreten sei. Alle seine übrigen Gedichte beziehen sich lediglich auf seinen Aufenthalt im fränkischen Reiche und seine dortigen Verhältnisse. Der Bildungskreis übrigens, innerhalb dessen er sich in Ravenna bewegte, beschränkte sich auf die grammatisch-rhetorischen Studien, die ja überhaupt in jener Zeit in Italien die vorherrschenden waren, und auf einige Kenntniss des römischen Rechts; hören wir ihn hierüber selbst. Nachdem er V. Mart. I, 14 25 mehrere christliche Dichter namhaft gemacht, fährt er, von seiner eignen Person sprechend, also fort 2634:

Ast ego sensus inops Italæ quota portio linguæ,

Fæce gravis, sermone levis, ratione pigrescens,

Mente hebes, arte carens, usu rudis, ore nec expers,

Parvula grammaticæe lambens refluamina guttæ,

Rhetorice exiguum prælibans gurgitis haustum,