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Königin, läßt sich von ihr bekränzen und verläßt langsam den Kerker. Andreas übergibt es dem Landgrafen Ludwig, der es mit nach Thüringen nimmt und auf der Wartburg in einem Käfig verwahrt. Aber schlecht gefüttert und schlecht verwahrt, bricht der Löwe eines Nachts mit fürchter- lichem Gebrüll aus und rennt über den Burghof, wo die Tür zur Schloßkapelle, in der Elisabeth betet, gerade offen steht. Der Landgraf erwacht, stürzt, zum Tode erschrocken, mit gezücktem Schwerte nach und findet Elisabeth„an der Seite des Löwen, ihre Hand in seine Mähne gewunden, um ihn sanft nach seiner Wohnung zurückzuziehen; eine leichte Arbeit, ob sie gleich mit Zittern getan war. O, sie kannte nicht die Macht der Unschuld, welche ihre Sicherheit war.“ Liebkosend schmiegt er sich an ihr Gewand, leckt ihr die Hand und läßt sich willig an die Kette legen.— In Goethes„Novelle“, die schon 1707 geplant war, bildet„die Löwen- und Tigergeschichte“ den Kernpunkt. Die Fürstin begibt sich, während der Fürst auf der Jagd begriffen ist, nach der Ruine der alten Stammburg, als in dem nahen Residenzstädtchen ein Brand ausbricht, der die Jahrmarkts- buden vernichtet. Ein Löwe und ein Tiger entkommen aus ihren Käfigen. Der letztere wird zu Füßen der Fürstin von einem Kammerherrn erlegt, so daß der von der Jagd herbeisprengende Fürst die Gemahlin außer Gefahr findet. Der Löwe hat sich im alten Schloßgemäuer gelagert und wird von dem Kinde des Besitzers durch Flötenspiel und wundersamen Gesang angelockt und beruhigt.„Gott und Kunst, Frömmigkeit und Glück müssen das Beste tun.... Endlich hnörte man die Flöte wieder. Das Kind trat aus der Höhle hervor mit glänzend befriedigten Augen, der Löwe hinter ihm drein. Er zeigte hie und da Lust, sich niederzulegen; doch der Knabe führte ihn im albkreise durch die wenig entblätterten, buntbelaubten Bäume, bis er sich endlich in den letzten Strahlen der Sonne.... wie verklärt niedersetzte und sein beschwichtigendes Lied abermals begann.... Indessen hatte sich der Löwe ganz knapp an das Kind hingelegt und ihm die rechte Vordertatze auf den Schoß gehoben, die der Knabe fortsingend anmutig streichelte.... Wirklich sah das Kind in seiner Verklärung aus wie ein mächtiger Uberwinder, jener zwar nicht wie der UÜberwundene, denn seine Kraft blieb in ihm verborgen, aber doch wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen Anheimgegebene.“ Sehr wohl, scheint es, kann die Erzählung B. Nauberts von der heiligen Elisabeth und dem Löwen Coethe Anregung zu seiner„Novelle“ gegeben haben, doch hat der Dichter den legendenhaften Grundgedanken durch den reinmenschlichen ersetzt, daß ungebändigte Wildheit durch Unschuld und Sanftmut sich zähmen lasse. Der Löwe und sein Bändiger bleiben im Mittelpunkte des Interesses; abgeändert werden aber Zeit und Schauplatz, die Personen und selbst die abstoßende Ursache des Erscheinens des Tieres. Das Ereignis spielt in der Gegenwart, etwa am COreifenstein unweit Rudolstadt; für die bedrohte Landgräfin tritt der Knabe ein, und statt des Vaters und des Gemahls führt ein unglücklicher Vorfall die Gefahr herbei.
In ähnlicher Weise wie hier sehen wir unsere Klassiker überall mit dem ihnen aus dem Leben und aus der Literatur entgegenströmenden Stoffe verfahren. Sie ergreifen zum Herzen oder zur Phantasie sprechende Momente, läutern sie von den Massen des Rohmaterials, worin sie sonst unbeachtet untergegangen wären, erheben sie vielfach umgemodelt und veredelt in ihre Ideensphäre und streuen sie hie und da, ihres Ursprungs wohl zumeist nicht mehr bewußt, in neue, originale Kunstwerke ein, um ihnen hier Wert und dauernde Beachtung zu verleihen.
Dr. Petri.
¹ Wallfahrten S. 330/1.


