Einleitung.
Der briefliche Verkehr zwiſchen Friedrich Auguſt Wolf und Karl Auguſt Böt⸗ tiger erſtreckt ſich über einen Zeitraum von 31 Jahren, von 1793 bis in den Anfang des Jahres 1824, in welchem am 8. Auguſt Wolf in Marſeille ſein Leben beſchloß. 34 Briefe Wolfs bewahrt die Königliche öffentliche Bibliothek zu Dresden, 42 Böttigers an dieſen finden ſich auf der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Zwar ſind einzelne Briefe aus der erſten Zeit nicht mehr vorhanden, doch liegen aus den ſpäteren Jahren ſelbſt die unbedeutendſten Mitteilungen vor, und dieſer Umſtand bürgt wohl dafür, daß ſeit Mai 1795 der Briefwechſel beider vollſtändig erhalten iſt, daß wenigſtens die Briefe Wolfs ſorgfältig geſammelt ſind. Am regſten iſt der Verkehr in den Jahren 1795—1798, in der Zeit, wo Wolfs Prolegomena die geſamte gebildete Welt beſchäftigten, 22 Briefe Wolfs und 28 Böttigers fallen in dieſe Jahre; dann liegen oft jahrelange Pauſen zwiſchen den einzelnen Schreiben.
Böttiger war es, der den erſten Schritt zur Anbahnung des Verkehrs that durch einen Brief vom Sommer 1793, der nicht mehr vorliegt. Wolf dankt ihm dafür am 6. Auguſt 1793 in einem ſorgfältig ſtiliſierten Schreiben und giebt ſeiner Freude darüber Ausdruck, ſchon jetzt ſeine Bekanntſchaft gemacht zu haben, die er vor einer Reiſe nach Weimar nicht geſucht haben würde. Wenn dann der Briefwechſel ſchon nach kurzer Zeit zu ſtocken beginnt, ſo lag das ſicher nicht an Böttiger, der immer und immer wieder mit ſeinem„edlen, unvergeßlichen Freunde“ anzuknüpfen ſucht. Aber auch Wolfs„weltberüch⸗ tigte Briefſcheu““ mag nur einen Teil der Schuld tragen. Sowohl die etwas zudringliche Freund⸗ ſchaft Böttigers als auch die bald hervortretende mehr ablehnende Haltung Wolfs hatte ihren Haupt⸗ grund in einem eigentümlichen Charakterzuge des erſteren.
So Wolf an Kriegsrath Bock in Königsberg, vergl. Dorow, Denkſchriften und Briefe, Berlin 1838. I, S. 85. Siehe auch Körte, Leben und Studien Friedr. Aug. Wolfs, des Philologen, Eſſen 1833. II, S. 184.
² Ein Geſamtbild von dem überaus vielthätigen Manne zu entwerfen, hat wegen der widerſprechenden Beurteilungen, die er erfahren, große Schwierigkeiten. Die biographiſche Skizze ſeines Lebens, durch ſeinen Sohn 1837 in Leipzig veröffentlicht, wird mit Recht ein Panegyrikus genannt; ſchon die geiſtvolle Kritik dieſes Buches von Varnhagen von Enſe(vergl. Vermiſchte Schriften IV, S. 417— 423) hebt die Schattenſeiten von Böttigers Charakter, wenn auch in maßvoller und ſchonender Weiſe, hervor. Gelegentliche Beurteilungen ſeiner Perſönlichkeit z. B. bei Creuzer, deutſche Schriften V, 1, S. 121, bei R. Haym, Herder nach ſeinem Leben und Wirken, Berlin 1877— 85, II, S, 443 ff. 634, 660, 755 ff., 806 ff., ſowie das Buch von R. Lindemann, Beiträge zur Charakteriſtik K. A. Böttigers ꝛc., Görlitz 1883, u. a. geben ein recht düſteres Bild von ſeinen Schwächen, Eitelkeiten und Unzuverläſſigkeiten. Doch legen meines Erachtens dieſe Schilderungen zu großes Gewicht auf die von Gereiztheit ſicher nicht freien Außerungen ſeiner zahlreichen Widerſacher. Ein Mann, der lange Jahre hindurch in dem herz⸗ lichſten Verhältnis zu Wieland ſtand, von dem Fr. Jacobs in ſeinen„Perſonalien“ mit großer Verehrung ſpricht, kann nicht einer völligen Verurteilung anheimfallen. Charaktere wie der ſeinige ſind zudem in den gelehrten Kreiſen ſeiner Zeit keine Seltenheit, auch das wäre bei ſeiner Beurteilung zu berückſichtigen.


