Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
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vorübergehende Beſſerung brachten, körperlich war und blieb er eine Ruine, und wie wir aus den Briefen der nächſten Jahre entnehmen können, wechſelten Leiden aller Art Kopfſchmerzen und Schlafloſigkeit, Rheumatismus und Halsentzündungen, Fieber und vor allen Dingen ſchwere Krampfanfälle faſt ununterbrochen mit einander ab. Als Goethe ihn im Jahre 1793 zu ſich nach Weimar lud, antwortete er:leider nötigen mich meine Krämpfe gewöhnlich den ganzen Morgen dem Schlaf zu widmen, weil ſie mir des Nachts keine Ruhe laſſen, und überhaupt wird es mir nie ſo gut, auch den Tag über auf eine beſtimmte Stunde ſicher zählen zu dürfen. Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank ſein zu dürfen. Doch ſolche Zuſtände ließen nicht etwa ſeine Schaffenskraft erlahmen, im Gegenteil.In dem Maße, wie ſein Körper zerfiel, wuchs ſein Geiſt, zu immer höherer Vollendung ſchreitend, in immer neuen Wunderwerken unzerſtörbare Denkmäler dieſes gewaltigen Kampfes errichtend. Noch weniger konnte die immer fühlbarere Nähe des Endes ſeinen Mut wankend machen, ſeine Seelenruhe erſchüttern.Ich habe mehr als einmal, ſo ſchreibt er an Körner,dem Tode ins Geſicht geſehen, und mein Mut iſt dadurch geſtärkt worden.

Schlimmer aber als alle körperlichen Leiden ſind die Qualen der Seele; und auch von dieſen war unſerem Dichter während ſeiner ganzen Lebenszeit ein reichliches Teil zugemeſſen. Als Knabe wird er von einem tyranniſchen Fürſten den Eltern entriſſen und gewaltſam in eine Laufbahn gedrängt, gegen die er Widerwillen empfindet. Jahrelang in klöſterlicher Zucht geiſtig geknebelt, pedantiſch gedrillt nach einer Methode, die eigens für Heranbildung von Strebern und Heuchlern erfunden ſchien; dann durch militäriſche Ordre in die Enge einer Stellung gezwängt, die ein freies Auswirken der Kräfte unmöglich machte, und auf alle Bitten und Geſuche abſchlägig beſchieden, wird er zuguterletzt von ſeinemgnädigen Fürſten mit den bekannten Worten abgefertigt und einfach mundtot gemacht:ich ſage, bei Strafe der Kaſſation ſchreibt er keine Komödien mehr. Der Verkehr mit demAusland(die nachbarliche Pfalz war gemeint) wurde ihm unterſagt, und er wurde mit Arreſt bedroht, wenn er es noch einmal wagen würde, ein Geſuch um Milderung ſeines Loſes einzureichen. Drohend winkte im Hintergrunde der hohe Twiel und der Asperg, auf dem ſchon einer ſeit Jahren für ſeine freie Rede hinter Kerkermauern ſchmachtete, ſein Freund Schubart. Können wir uns da wundern, wenn ſolche Ausſichten den nach Freiheit dürſtenden Jüngling zum Bruch des Fahneneides trieben? Wohl krampfte ſich ſein Herz zuſammen, wenn er an das bittere Herzeleid der Mutter dachte, wenn er ſich ſagte, daß er die Exiſtenz des unbemittelten, von der Gnade des Fürſten abhängigen Vaters gefährde, daß er ſelbſt im Begriff ſtehe, Vaterhaus und Heimat, Freundſchaft und Lebensſtellung vielleicht für immer preiszugeben. Das waren Stunden heißer Kämpfe, ſchwerſten ſeeliſchen Leidens. Doch er blieb Sieger und entſchied nach höherem Geſichtspunkt. Freilich ahnte er nicht, was ihm bevorſtand. Jetzt folgten die ſchrecklichſten Jahre ſeines Lebens: getäuſchte Hoffnungen und Mißerfolge, Undankbarkeit des Intendanten Dalberg und Ränke, Gehäſſigkeit und Liebloſigkeit eiferſüchtiger Schauſpieler, beſonders Ifflands; Hunger, Elend und Krankheit, vor allem aber die bitterſten Qualen der Seele: Gewiſſensbiſſe gegenüber ſeinem Freunde Streicher, der die letzten Sparpfennige der Mutter mit ihm geteilt, der ehrenwerten Frau Fricke, die um ſeinetwillen ins Schuldgefängnis wandern mußte, der Frau von Wolzogen, die durch ihre offene Hand das Wohl ihrer Kinder gefährdete, den hochherzigen Hölzels, die von ihrer Armut gaben, ihn aus ſeiner Notlage zu befreien. Und mehr vielleicht als alles laſteten auf ſeinem gequälten Herzen die ſchweren Vorwürfe des Vaters, der nicht abließ, ihn in ſeinen Briefen der