Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
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ziehenden ewigen Sternenheer ihn dem Irdiſchen entrückte, dann kam der Geiſt gewaltig über ihn, dann begann die Zeit des dichteriſchen Schauens und Schaffens, dann ſchrieb er ſeine Glocke und die Balladen, Maria Stuart und Wallenſtein. Aber dieſer unermüdliche Fleiß, dem die Tages⸗ ſtunden nicht genügten, kennzeichnet nicht bloß dieſe allerdings beſonders fruchtbaren Jahre des Jenaer Aufenthalts, das iſt vielmehr eine Eigenſchaft, die wir in ſeinem ganzen Leben an ihm bemerken. Die ſchwäbiſche Zähigkeit, die unentwegt einem hohen Ziele zuſteuerte, war ſchon ein Erbteil des Vaters, der ſich vom einfachen Bauernjungen erſt zum Barbier, dann zum Feldſcheer und endlich gar zum Leutnant und Major emporgearbeitet hatte. Schon das Erſtlingswerk des Dichters verdankt ſeine Entſtehung zum großen Teil durchwachten Nächten; Licht durfte freilich nur im Krankenſaal gebrannt werden, er mußte ſich alſo ſchon krank melden, wenn er die Ruhe der Nacht zum Dichten benutzen wollte. Vom Fiesco las er dem Freunde Streicher, wie dieſer berichtet, öfters mit geröteten Augen am Morgen vor, was er in der Nacht geſchrieben. Eine Normalarbeitszeit hat er nicht gekannt. In Oggersheim hat er drei Wochen hindurch nur auf Minuten ſein Zimmer verlaſſen: er mußte Dalberg von ſeiner Dichterfähigkeit überzeugen. In Bauerbach konnte die alte Judith kaum ſo viele Bücher auf ihrem Rücken aus Meiningen herbei⸗ ſchleppen, als er für ſeine Studien zum Don Carlos nötig hatte. Aus Weimar und beſonders aus Jena meldet er Körner, daß er täglich 12-14 Stunden zu arbeiten habe, und Goethe erzählt, daß bisweilen abends um acht Uhr noch das unberührte Mittagseſſen vor ſeinem Stehpult ſtand. Nach einer ſchweren Lungenentzündung(1791) ſchleppt er ſich mühſam, auf den Stock geſtützt, durch das Zimmer an den Schreibtiſch, um Kant zu ſtudieren. Flieht ihn in der Nacht der Schlaf, ſo nützt er die Stunden, Taſſos befreites Jeruſalem und Reiſebeſchreibungen zu leſen. Je mehr er in den letzten 15 Jahren ſeines Lebens dem elenden, ſiechen Körper die Zeit zur angeſtrengten Arbeit abringen muß, um ſo koſtbarer werden ihm die Minuten.Tätigkeit, ſchreibt er an Fiſchenich,ſöhnt mich mit der traurigen Exiſtenz aus, wozu mein kranker Körper mich verurteilt, und Wilhelm von Humboldt bezeugt das mit den Worten:Anhaltend ſelbſttätige Beſchäftigung des Geiſtes verließ ihn faſt nie und wich nur den heftigſten Anfällen ſeines körperlichen Ubels. Es ſchien ihm Erholung, nicht Anſtrengung. Ruhepauſen, ſich freuen am Erfolg, auf den Lorbeeren ruhen, das hat es für Schiller nie gegeben. Noch umrauſcht von den Jubelrufen der Räuber⸗ aufführungen, ſagt er:Meine Räuber mögen untergehen, mein Fiesco ſoll leben. Und als man ihn nach den drei erſten Bühnenſtücken über die meiſten Dramatiker der Zeit ſetzte, ſchwur er von vorn anzufangen, um den Wettlauf zum höchſten Ziele zu wagen, und wenn er zunächſt nun viele Jahre ſchwieg, ſo geſchah es, um dem ſchöpferiſchen Geiſte erſt eine breitere Wiſſensunterlage zu ſchaffen.

Nun glühte ſeine Wange rot und röter

Von jener Jugend, die uns nie entfliegt,

Von jenem Mut, der früher oder ſpäter

Den Widerſtand der ſtumpfen Welt beſiegt, Von jenem Glauben, der ſich ſtets erhöhter Bald kühn hervordrängt, bald geduldig ſchmiegt, Damit das Gute wirke, wachſe, fromme,

Damit der Tag dem Edlen endlich komme.