Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
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leben. Hier fand er, was er ſuchte: Licht, Luft, Freiheit, geiſtige Anregung, gleichgeſtimmte Seelen, einen ebenbürtigen Freund, einen trefflichen Reſonanzboden für die Werke ſeiner Muſeden auserleſenen Kreis, der rührbar jedem Zauberſchlag der Kunſt mit leisbeweglichem Gefühl den Geiſt in ſeiner flüchtigſten Erſcheinung haſcht, eine tüchtig geleitete, gut beſetzte Bühne, die imſtande war, ſeinen Werken Geſtalt zu verleihen.

Doch dieſerſichere Port iſt ihm nicht das zauberiſche Eiland der Circe, das ihn zum behaglichen Genuß lädt, nein, für ſeine glühende Seele gibt es kein Ruhen und Raſten. Vorwärts! Aufwärts! war allezeit ſeine Loſung. Jedes neue Jahr bringt eine neue Schöpfung, ein herrliches Drama. So ſchwebt ſein Geiſt im Reiche der Gedanken, er ſchreitet fort ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen. Das Irdiſche berührt ihn kaum. Wilhelm von Humboldt ſchließt die Vor⸗ erinnerung zu dem von ihm herausgegebenen Briefwechſel mit Schiller mit den Worten:Solange ſein Leben währte, war er ausſchließlich und unabläſſig im Gebiete der Ideeen und der Fantaſie beſchäftigt. Von niemandem läßt ſich vielleicht mit ſo viel Wahrheit ſagen, daß er die Angſt des Irdiſchen von ſich geworfen hatte, aus dem engen, dumpfen Leben der Wirklichkeit in das Reich des Ideales geflohen war. Er lebte nur von den höchſten Ideeen und den glänzendſten Bildern umgeben, welche der Menſch in ſich aufzunehmen und aus ſich hervorzubringen vermag. In der Tat, was das Denken und Sinnen der meiſten Menſchen ausmacht, was den größten Teil ihrer Tage und Stunden ausfüllt, darüber iſt ſeine große Seele erhaben:.

Und hinter ihm im weſenloſen Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Da ſchmückt er ſich die ſchöne Gartenzinne,

Von wannen er der Sterne Wort vernahm, Das dem gleich ew'gen, gleich lebend'gen Sinne Geheimnisvoll und klar entgegenkam.

Dort ſich und uns zu köſtlichem Gewinne Verwechſelt er die Zeiten wunderſam,

Begegnet ſo, im Würdigſten beſchäftigt,

Der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt.

Des Dichters Seele bedarf der Anregung, um in Schwingung verſetzt zu werden. Obwohl nicht eigentlich muſikaliſch, war Schiller den ſanften Tönen der Muſik ſtets ſehr zugänglich. Die Viſcherin(Laura) am Klavier begeiſtert ihn zu dithyrambiſchen Ergüſſen. In Oggersheim läßt er ſich allabendlich in der Dämmerſtunde von Streicher vorſpielen, während er ſinnend und dichtend das Zimmer durchmißt, das Spinett der Gattin ſtand ſtets in ſeinem Arbeitszimmer. Auch die äußere Umgebung tut viel, um die Stimmung zu heben: das Dichterſtübchen in Gohlis mit dem Blick auf das liebliche Roſental, das idylliſche Gartenhäuschen am Rebenhang bei Loſchwitz, das waren Plätzchen nach des Dichters Geſchmack, da ließ ſich ſinnen und ſchaffen. So erbaute er ſich auch in Jena am Ende ſeines Gartens dicht am Ufer der der Saale zueilenden Leutra im Sommer 1798 ein kleines ſtilles Dichterheim. Hier auf dieſerGartenzinne, wie Goethe ſie nennt, hat der trotz ſeiner Krankheit raſtlos tätige Mann in der Tat die Zeiten oft vertauſcht. Wenn Natur und Menſchen im Schlummer lagen, wenn kein Laut der Alltagswelt den Dichter aus ſeinen Träumen

ſchreckte, wenn der Blick durch die Fenſter hinauf zu dem Firmament und dem ſtill ſeine Kreiſe 2