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Stunde, wo Goethe zum erſten Male Gelegenheit fand, einen tiefen Blick in die unendlich reiche Gedankenwelt des um zehn Jahre jüngeren Mannes zu tun, wurde das ſeeliſche Band geknüpft, das nun die beiden von Tage zu Tage feſter umſchlang, bis ſie zuletzt nicht mehr ohne einander leben zu können meinten, bis keiner mehr ſozuſagen eine Zeile, einen Gedanken niederſchrieb und ver⸗ öffentlichte, der nicht von dem andern geprüft und gebilligt, und ſo im doppelten Feuer geläutert und gehärtet war. Die ernſteſten Probleme der Wiſſenſchaft, die tiefſten Geheimniſſe des Lebens, die höchſten Geſetze der Kunſt wurden gemeinſam ergründet, alle eigenen Schöpfungen vom erſten Keimzuſtande bis zur letzten Vollendung beſprochen und erwogen. Das knüpfte die beiden Männer, die ſich ſo glücklich ergänzten, ſo eng, ſo unauflöslich zuſammen.
Nicht beſſer kann das Verhältnis gekennzeichnet werden als durch die Worte, die Schiller zweifellos in dem Gedanken an Goethe ſeinem Wallenſtein in den Mund legt:
„Denn über alles Glück geht doch der Freund, der's fühlend erſt erſchafft, der's teilend mehrt.“
Und Goethe, der ſich anfangs ſo zurückhaltend gezeigt, ja Schiller in geradezu verletzender Weiſe bei Seite geſchoben hatte, mußte ſpäter bekennen:„Ich weiß wirklich nicht, was ohne die Schillerſche Anregung aus mir geworden wäre.“„Schillers Anziehungskraft war groß, er hielt alle feſt, die ſich ihm näherten.“„Für mich insbeſondere war es ein neuer Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus aufgeſchloſſenem Samen und Zweigen hervorging.“„Es war ein Glück für mich, daß ich Schiller hatte. Denn ſo verſchieden unſere beiderſeitigen Naturen auch waren, ſo gingen doch unſere Richtungen auf eins; welches denn unſer Verhältnis ſo innig machte, daß im Grunde keiner ohne den andern leben konnte.“„Alle acht Tage war Schiller ein anderer und vollendeterer; wenn ich ihn wiederſah, ſchien er mir vorgeſchritten in Beleſenheit, Gelehrſamkeit und Urteil. Seine Briefe ſind das ſchönſte Andenken, das ich von ihm beſitze..... ſeine letzten Briefe bewahre ich als ein Heiligtum unter meinen Schätzen.“— Was aber Goethe uns von Schillers Eigenſchaften im perſönlichen Verkehr bezeugt, das beſtätigen alle, die in näheren Verkehr mit ihm getreten ſind. Man leſe nur, was Peterſen und Conz, was Hoven und Scharfenſtein, Körner und Streicher, Humboldt, Adlerskron, Fiſchenich, Beck und Graß über ihn geſchrieben haben, alle rühmen in gleicher Weiſe ſeine liebenswürdig heitere Geſelligkeit, ſeine ſtets geiſtreiche Unterhaltung, ſeine Schlagfertigkeit und ſeine müheloſe Sicherheit, mit der er die ernſteſten und ſchwierigſten Probleme behandelte, den Reichtum ſeines Wiſſens, der ihn in allen Stücken zum ſicheren Berater machte— kurz, alle bezeugen, daß die Freundſchaft Schillers das Glück ihres Lebens ausmachte. „Jeder, der ſeines Umgangs auch nur eine kurze Zeit genoß, fühlte ſich vom Zauber ſeines Geſprächs hingeriſſen, das immer ſchaffend und neue Ideeen weckend zu hohen Lebensanſichten führte“(Karoline). Wilhelm von Humboldt ſagt einmal:„Für ein Geſpräch ſchien Schiller wie geboren. Auf jedes Thema ging er leicht ein. Er hielt immer den Faden feſt, der zum Ziele führen mußte, und er brach nicht leicht vor Erreichung des Zieles ab. Einziges Ziel aber war ihm die Wahrheit.“ Und Karoline berichtet:„Ein philoſophiſches Geſpräch mit gleichdenkenden Freunden zog ihn von allen Sorgen ab und beſchwichtigte oft die phyſiſchen Leiden.“ Das innere Intereſſiert⸗ ſein, die ernſte Anteilnahme zeigte ſich gleich äußerlich in der fliegenden Röte auf ſeinen ſonſt bleichen Wangen. Da ſah man, daß hinter ſeinen Worten das Herz, der ganze Mann ſtand, daß man es mit einer tiefernſten Perſönlichkeit zu tun hatte. Da brannte ein Feuer, an dem ſich andere ent⸗ zünden mußten. Göſchen ſagt einmal:„Dieſer Schiller hat mich, den jungen Huber und Körner


