Goethe ſchloß ſich ihm an und begleitete ihn bis an das Schauſpielhaus, wo er ihm zum Abſchied herzlich die Hand drückte. Wie konnte er ahnen, daß er den Freund nie wieder ſehen ſollte und daß das ein Abſchied fürs Leben war!— Wir vermiſſen Goethe nachher am Lager des Sterbenden, auch im Trauergefolge ſehen wir ihn nicht, ebenſowenig wie in der Totenfeier, die am nächſten Tage in der Jakobskirche ſtattfand. Fehlte es ihm an Mitgefühl? War der Tod des Freundes ſeinem Herzen nicht nahe gegangen? Wie wäre das denkbar! Nein, wir hören von ſeinen Haus⸗ genoſſen, daß er die erſten Nächte ſchlaflos auf ſeinem Lager zubrachte und oft laut weinte, und einmal brach er in die Worte aus:„Ich verliere einen Freund und in ihm die Hälfte meines Daſeins.“— Aber man will bemerkt haben, daß Goethe gefliſſentlich ſolchen ſeeliſchen Erregungen aus dem Wege ging. Auch er bringt ſein Totenopfer am Grabe des Verblichenen, aber in ſeiner Weiſe. Lange ſchwankt er, wie er die Feier am würdigſten geſtalte. Den erſten Plan, die Arbeit, von der den Freund der Tod hinweggeriſſen, den herrlichen Demetrius, im Sinne Schillers zu vollenden und auf die Bühne zu bringen, ließ er wieder fallen und ebenſo den zweiten, mit Zumſteeg zuſammen eine theatraliſche Gedenkfeier zu veranſtalten. Er mußte etwas Selbſtändiges ſchaffen: die Glocke, dies unſterbliche Lied, in dem Schillers ideale Lebensanſchauung ihren klaſſiſchen Ausdruck gefunden, ſoll ſzeniſch dargeſtellt werden, und er will in einem Epilog ein großzügiges Charakterbild des Dichters entwerfen, ſeine Bedeutung und Verdienſte in ſchwungvollen, begeiſterten Worten feiern.— Am 10. Auguſt 1805, alſo drei Monate nach des Dichters Tode, fand die geplante Aufführung ſtatt. Als die fertige Glocke aus der Grube heraufgewunden war, ſprach die unter ihr erſcheinende Muſe Goethes Scheidegruß an den verſtorbenen Freund.
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Denn er war unſer. Wie bequem geſellig Den hohen Mann der gute Tag gezeigt,
Wie bald ſein Ernſt, anſchließend, wohlgefällig Zur Wechſelrede heiter ſich geneigt,
Bald raſchgewandt, geiſtreich und ſicherſtellig Der Lebensplane tiefen Sinn erzeugt
Und fruchtbar ſich in Rat und Tat ergoſſen: Das haben wir erfahren und genoſſen.
Wenn einer, ſo konnte gerade Goethe das bezeugen, keiner hatte das wie er im fortwährenden perſönlichen Verkehr erfahren und empfunden. Dieſer unaufhörliche Austauſch der Gedanken, dies gegenſeitige ſich ganz verſtehen, ſich fördern, ſich befruchten, ſich genießen, dies Ineinanderfließen zweier hochgeſtimmter Seelen, das war das Weſen dieſer Dichterfreundſchaft.
Lange hatte ſich Goethe nach einer ſolchen Ergänzung des eigenen Ich geſehnt. Seit er nach der italieniſchen Reiſe mit Frau von Stein, deren förderndem Einfluß er entwachſen war, gebrochen hatte, war die Stelle in ſeinem Herzen leer geblieben. Jetzt nach ſechs Jahren der Ode und Ver⸗ einſamung wurde ihm der Wunſch ſeines Herzens erfüllt.
An einem Maiabend 1794 war's, als er zufällig nach einer Sitzung der Jenaiſchen natur⸗ forſchenden Geſellſchaft zugleich mit Schiller die Treppe hinabſtieg und ſich mit ihm im Anſchluß an den gehörten Vortrag in ein wiſſenſchaftliches Geſpräch vertiefte, das ſich auf der Straße fortſetzte bis an Schillers Wohnung. Goethe folgte der Aufforderung, ein wenig mit einzutreten. In dieſer


