Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

er bitterlich an zu weinen und barg ſein Geſicht in die Kiſſen des Bettes. Aber ſolche Augenblicke, wo ihn der Schmerz überwältigte, gingen raſch vorüber, und im allgemeinen war er ſo ruhig und gefaßt, daß er geradezu Freunde an ſein Krankenlager geladen hat,damit ſie ſähen, wie man ruhig ſterben könne.Eine unausſprechliche Milde durchdrang ſein ganzes Weſen und gab ſich kund in allem ſeinem Urteilen und Empfinden..... Ein wahrer Gottesfriede lag in ihm, bezeugt uns Karoline.Der Tod kann kein Übel ſein, hatte er noch vor kurzem zu ihr geſagt,da er etwas Allgemeines iſt. Jetzt verlangt der Sterbende ein linderndes Mittel; er verſucht zu ſprechen, doch die Stimme verſagt, er will ſchreiben, drei Buchſtaben malt mühſam die zitternde Hand, dann verläßt ihn die Kraft, er ſinkt ermattet zurück. Die Gattin kniet vor dem Bette und hält die Hand des geliebten Mannes. Am Fußende des Bettes ſteht der Arzt, deſſen Kunſt längſt machtlos geworden iſt, und die treue Schwägerin. Noch ein letzter Blick der Liebe trifft das ſuchende Auge der Gattin, mit leiſem Druck vermittelt die erkaltende Hand die letzte Botſchaft des Herzens. Das war das Scheiden. Noch ein ſchwaches Aufzucken, unddie Welt mit ihrem Wirrſal verſinkt hinter ihm, und auf unergründlichen, dunkelen, ſchweigenden Gewäſſern zieht das Schiff des Siegers ſeinen ſeligen Geſtaden entgegen. Es war zwiſchen 5 und 6 Uhr nachmittags, als der große Dichter ſeine Augen zum ewigen Schlummer ſchloß. Drei Tage ſpäter mitten in der Nacht, kurz ehe der Sonntag anbricht, kommen zwanzig liebe Freunde und tragen in aller Stille die ſterbliche Hülle aus dem Trauerhauſe. Es iſt eine liebliche Maiennacht, der Mond ſcheint durch leichtes Gewölk, man vernimmt nichts als die ſchwermütig klagenden Töne der ſchlagenden Nachtigallen ſie ſingen dem Dichter das Totenlied. Still bewegt ſich der ſchwarze Zug durch die dunkelen Gaſſen der ſchlummernden Stadt. Da plötzlich ertönt der Hufſchlag eines galoppierenden Pferdes. Um die Straßenecke biegt ein eilender Reiter, Wolzogen iſt's, des Dichters Schwager. Er kommt zu ſpät zum Abſchied vom Lebenden, er kann nur dem Toten noch das letzte Geleit geben. Auf den Jakobs⸗ friedhof geht es, auf dem der Verblichene zunächſt ſeine Ruheſtatt fand. Erſt 22 Jahre ſpäter hat man ſeine Reſte von hier in die Fürſtengruft geſchafft, in der ſie heute noch ruhen. Auch ein Klagelied zu ſein im Munde der Geliebten iſt herrlich, Denn der Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

So hatte einſt der Dichter in ſeiner Nänie geſungen, dieſer Totenklage, die ſpäter der vereinſamten Gattin ein Troſtlied wurde, das ſie ſich noch auf dem Totenbette von ihrer jüngſten Tochter vor⸗ leſen ließ.

Nun, er iſt nicht klanglos zum Orkus hinabgegangen. Zahlloſe Klagelieder ſind ihm nach⸗ geſungen, damals bei ſeinem Scheiden und das ganze nächſte Jahrhundert hindurch; wie das große Schillerfeſt im Jahre 1859 ſo entlockt auch das heutige der Harfe der Sänger neue Lieder auf den unvergeßlichen Toten.

Aber hoch über allem, was zu ſeinem Preiſe geſungen, ſchwebt das Lied, das ſein großer Freund ihm gewidmet hat, der Epilog zur Glocke, der uns ſoeben vorgetragen iſt. Laſſen Sie uns bei unſerer heutigen Feier den Empfindungen und Gedanken folgen, die die Seele des allein ihm ebenbürtigen Freundes in jenen ſchmerzvollen Tagen durchzogen.

Goethe hatte Schiller zehn Tage vor ſeinem Tode zuletzt geſehen. Selbſt kaum von ſchwerer Krankheit geneſen, wollte er am letzten Sonntage des April gegen Abend den Freund in ſeiner Wohnung aufſuchen, als dieſer, der ſich gerade etwas wohler fühlte, eben die Treppe herabkam, um ins Theater zu gehen und einer Aufführung der Klara von Hoheneichen von Spieß beizuwohnen.