Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
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Teſtrede des Profeſſors Otto Paulus im Anſchluß an Goethes Epilog zur Glocke.

Ein ſchöner, ſonniger Maientag war's, heute vor 100 Jahren, überall ein Knoſpen, Sprießen und Blühen, ein Jauchzen und Jubilieren in Wald und Feld, überall ſich regendes, ſich emporringendes junges Leben. Aber da drinnen in dem friedlichen Dichterheim an der Esplanade in Weimar da lächelte nicht warme Frühlingsſonne knoſpendem Leben, da deutete trübe, finſtere Herbſtſtimmung auf Vergänglichkeit und Sterben; da ſchwebte geräuſchlos mit dunkeln Schwingen der Todesengel hernieder, neigte ſich über ein bleiches Antlitz, um das Leben von den Lippen des Schlummernden zu küſſen. Wir gehen hinein in das Trauerhaus, wir ſteigen die Stufen hinan zu dem Oberſtock und treten in das einfache Arbeitszimmer ein. Wir ſchauen uns um: wie beſcheiden iſt hier alles, faſt ärmlich. Die Fenſter ohne Seitengardinen, die Wände faſt kahl; ein altväteriſcher, ſchmuckloſer Schreibtiſch, ein Spinett und wenige Stühle bilden die ganze Ausſtattung. Und dort hinten in der Ecke ſteht die ſchmale, hölzerne Bettſtatt, auf der ein ſterbensmatter, vom Fieber entkräfteter Kranker der Erlöſung harrt. Durch die geöffnete Tür ſchauen wir in die enge, ſchräge Manſardenkammer, die bis vor kurzem der Schlafraum des großen Dichters war. Um vom Sonnenlicht Abſchied zu nehmen, hat er ſich erſt in den letzten Tagen hier in ſein Arbeitszimmer betten laſſen. Wir treten an das Lager des Sterbenden, der eben aus Fantaſieträumen erwacht. Schon ſeit vier Tagen liegt er ſchwach und meiſt teilnahmlos da, und doppelſinnig war es, als er geſtern der geliebten Schwägerin Karoline auf ihre Frage nach ſeinem Befinden antwortete:Immer beſſer, immer heiterer. Aber trotz ſeiner Schwachheit hat er ſo viel Willensſtärke, ſo viel Klarheit, ſo viel Zart⸗ gefühl, die Gattin, ſobald er eine neue Ohnmacht nahen fühlt, unter einem Vorwand aus dem Zimmer zu ſchicken, und die erſte Frage nach dem Erwachen iſt, ob auch Lotte nichts gemerkt habe. Der Kranke iſt ſich klar über ſeinen Zuſtand: aber der Tod, dem er ja ſchon mehr als einmal ruhig und beherzt ins Angeſicht geſchaut hat, er iſt ihm nicht das hohläugige Schreckgeſpenſt mit Stunden⸗ glas und Hippe, nein, er iſt ihm der liebliche Knabe, der Bruder des Schlafes, mit der verlöſchenden Lebensfackel.

Gewiß, er war Menſch genug, um noch ſich an das Diesſeit gefeſſelt zu fühlen. Wie wäre es anders denkbar geweſen für einen zärtlichen Gatten, der mit glühender Liebe an ſeinem Weibe hing und das Bewußtſein hegen durfte, daß er ihr alles war, daß ſie, wie ſie ſelbſt ſagte, in ihm die ganze Welt fand; für den liebenden und treuſorgenden Vater von vier noch unmündigen Kindern, von denen das älteſte erſt elf und das jüngſte kaum dreiviertel Jahre alt war; für den Freund, der ſo vielen und beſonders einem ein unentbehrlicher Berater war; für den in der Blüte der Jahre ſtehenden Mann, den ſchaffensfrohen Dichter, der der Menſchheit noch ſo viel zu ſagen hatte, und deſſen Seele noch ſo voll war von Plänen und Entwürfen. Ja, wir wiſſen genau, daß es Augenblicke gab, wo ihn der Schmerz in dem Gedanken an die baldige Trennung überwältigen konnte. Vor wenigen Tagen hatte man ihm auf ſeinen Wunſch das jüngſte Kind, die kleine Emilie, gebracht und zu ihm aufs Bett geſetzt.Er nahm ſie auf den Arm, ſo berichtet ein Augenzeuge,und ſah ſie mit einem Blick von verſchlingender Innigkeit an, recht als wenn er ſein unendliches Glück im Beſitz dieſes holden Kindes zu Ende denken wollte. Dann fing