II.
Das Gebiet der Realſchule ließ ſich früher als ein zwiſchen dem Gymnaſium als der zu wiſſenſchaftlichen Studien vorbereitenden Anſtalt und der Elementarſchule oder Volksſchule liegendes, als das einer Mittelſchule bezeichnen. Und wie es aus dem Bedürfnis des im praktiſchen Leben ſtehenden Mittelſtandes mit hervorgegangen war, ſo hatte es ſich auch in ſeiner weiteren Entwickelung in engerer Beziehung zu dem modernen Leben erhalten. Eine natürliche Folge davon war die weit größere Mannigfaltigkeit ſeiner Geſtaltung, die gegenüber der überall weſentlich gleichen Form des Gymnaſiums überraſchende Vielartigkeit ſeiner Erſcheinungsformen. Nicht weniger leicht erklärt ſich die Verſchiedenheit der Anſichten darüber, was eigentlich die Realſchule wolle und ſolle, der Streit der Meinungen, der auch heute noch nicht zu völligem Abſchluſſe gekommen iſt, ſowie auch die Gunſt und Ungunſt kirchlicher und politiſcher Parteien, die in der Geſchichte des Realſchulweſens ihre Rolle ſpielt. Wenn es bei dieſer Sachlage in der That kaum möglich ſcheint, die herrſchende Auffaſſung des Weſens und der Aufgabe der Realſchule darzulegen, ſo darf man doch vielleicht ſagen, daß man unter Realſchule allmählich Anſtalten zu verſtehen übereinkam, welche nicht Fachſchulen, ſondern all⸗ gemein vorbildende Anſtalten ſein ſollten; die zweitens zu den höheren Schulen d. h. zu denen ge⸗ hören ſollten, die eine wiſſenſchaftliche ober doch wiſſenſchaftlich begründete Vorbildung gewähren; die endlich ihre weſentlichen Bildungsmittel, abgeſehen von der gemeinſamen Mathematik, nicht dem klaſſiſchen Alterthume, ſondern dem modernen Leben entlehnen ſollten(neuere Sprachen, Naturwiſſen⸗ ſchaft). Und ſomit erſchienen allerdings dieſe Schulen recht eigentlich beſtimmt, in dem Schulweſen größerer Städte eine hervorragende Stelle einzunehmen. Denn gerade ſie ſtellten den Bedürfniſſen der ſtädtiſchen, Handel und Gewerbe treibenden Bevölkerung, die den ſich mächtig ſteigernden An⸗ ſprüchen des geſchäftlichen und bürgerlichen Lebens auch durch entſprechende Steigerung der intellek⸗ tuellen Kraft zu genügen bedacht ſein mußte, die zweckmäßigſte und ſicherſte Befriedigung in Ausſicht. Dieſer enge Zuſammenhang mit den Strömungen und Bedürfniſſen des Lebens war für die Real⸗ ſchule ein weſentlicher Vortheil, freilich auch ein nicht geringer Nachtheil inſofern, daß dieſe allzu nahe Beziehung nicht diejenige ruhige Entwickelung geſtattete, welche zu einer auf dem feſten Fundamente ſicherer Erfahrung ruhenden Organiſation geführt haben könnte.
In der Entwickelung der Realſchule, insbeſondere der nord⸗ und mitteldeutſchen, trat ſehr bald eine Tendenz deutlich hervor, das Streben, ſich dem Gymanſium möglichſt gleichzuſtellen. Es ſollte auf einem andern Wege und mit anderen Mitteln in der Hauptſache dasſelbe Ziel erreicht werden, die geiſtige und ſittliche Befähigung für wiſſenſchaftliche Berufszwecke oder diejenigen Thätig⸗ keitsgebiete, welche auf einer ſolchen Bildungsgrundlage ruhen. Dieſes Reſultat wurde von den Einen inſofern in engerem Anſchluß an das alte Gymnaſium erſtrebt, als der Unterricht in der lateiniſchen Sprache in der Realſchule beibehalten, wenn auch in Bezug auf das Lehrziel und die zugewieſene Stundenzahl beſchränkt wurde; von den Anderen durch einen ganz ſelbſtändigen Aufbau, der, die altſprachlichen Fächer ganz ausſchließend, auf neuere Sprachen und Mathematik das Hauptgewicht legte. Der überaus unruhige Entwickelungsgang dieſer Schulen wurde begünſtigt durch die über⸗ raſchenden Fortſchritte des merkantilen und induſtriellen Lebens, durch den gewaltigen Aufſchwung der mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Fächer, durch das Entſtehen der polytechniſchen Anſtalten und zahlreichen gerade mit dieſen Fächern in Zuſammenhang ſtehenden Akademien. Hindernd trat


