Aufsatz 
Zur Frage des Frankfurter Schulwesens
Entstehung
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EinMaifeſt haben wir im Jahre 1870 nicht gefeiert. Anfänglich hatten mancherlei Er⸗ wägungen insbeſondere auch darüber, wie dieſes Schulfeſt am zweckmäßigſten eingerichtet werden ſolle eine Verzögerung herbeigeführt; ſpäter mahnte der Ernſt der inzwiſchen über uns herein⸗ gebrochenen mächtigen Ereigniſſe, von Schulfeſten abzuſehen.

Während der Juliferien ward eine gründliche Reparatur des Schulgebäudes vorgenommen, deren erhebliche Koſten von den Stadtbehörden in dankenswerther Bereitwilligkeit bewilligt worden waren. Auch wurde der Turnapparat erneuert und unter Berückſichtigung der von dem Herrn Re⸗ viſor Dr. Euler aus Berlin im vorigen Jahre ausgeſprochenen Wünſche vervollſtändigt.

Der Geſundheitszuſtand der Schüler war im ganzen recht erfreulich. Einen Todesfall unter unſern 1000 Schülern und Schülerinnen haben wir dieſes Jahr nicht zu berichten.

4 Innerhalb des Lehrerkollegiums traten manche bedauerliche Unterbrechungen der beruflichen Thätigkeit ein. Längere Zeit ſah ſich Dr. Haſſel durch ein rheumatiſches Leiden an der Ertheilung ſeines Unterrichts verhindert; Pred. Schäfer bedurfte im Frühjahr eines längeren Dispenſes von den Früh⸗ ſtunden; Prof. Finger erkrankte mehrmals und mußte einen Theil ſeiner Religionsſtunden(5) ſeit Dezember 1870 abgeben, die interimiſtiſch Herr Pfarrer Colliſchonn, der Schule und den ältern Lehrern noch von ſeiner Lehrerthätigkeit an der Schule 1857 1859 lieb und werth, freundlichſt über⸗ nahm. Auch die Herren Prof. Dr. Freſenius, Seibt, Pfeil, Kreidel, Lentz, Dr. Scholderer, Dr. Fritſch, Mauß, Dr. Simon, Dr. Bräutigam, Lack, Biebricher, Gräf, Eichelmann, Dr. Noll, Kolb waren auf kürzere Zeit, meiſt durch Unwohlſein, von der Erfüllung ihrer Amtspflichten abgehalten. So wenig das verwunderlich und vermeidlich iſt, ſo ſchwierig iſt doch für die Schule namentlich beim Mangel aller vikariſch verwendbaren Hilfskräfte die Aufgabe, immer genügenden Erſatz für die entſtehenden Lücken zu beſchaffen.

Daß die Kriegsereigniſſe auch in die Schule hineinwirkten, bedarf nicht erſt der Verſicherung. Im Anfange des Krieges, als die Schule noch nicht wieder begonnen hatte, waren unſere größeren Schüler eifrig beſchäftigt, bei der von einem Comité veranſtalteten Truppenverpflegung am Neckarbahnhofe nach Kräften mitzuwirken. Dem ſiegreichen Gange des gewaltigen Kampfes folgten ſie denn mit lebhafteſter Theilnahme, ſo daß es genug der Mahnung an die auch unter ſolchen Verhältniſſen unausgeſetzt zu verfolgende nächſte Aufgabe bedurfte. Wir wollen und dürfen aber hoffen, daß die bildende und erziehende Kraft, die in einer ſo gewaltigen Zeit liegt, auch unſrer Jugend zu gute kommt, und daß ſich wenn in der einen oder andern Beziehung der unmittelbare Schulgewinn etwas knapper aus⸗ gefallen wäre das mittelbar und reichlich erſetzt.

Die von dem Königl. Prov. Schulkollegium eingerichtete Lehrerinnenprüfung ward für die evangeliſchen Adſpirantinnen dieſes Jahr zum erſten Male hier in Frankfurt und zwar an unſrer Schule vom 25. 28. October v. J. unter Vorſitz des Herrn Regierungs⸗ und Schulraths Kretſchel und unter Mitwirkung des Herrn Regierungs⸗ und Schulraths Bayer abgehalten. Zu Mitgliedern der Prüfungskommiſſion waren die Herren Dr. Weismann und Becker von der Muſterſchule, die Herren Seibt, Dr. Noll und der Direktor der höheren Bürgerſchule ernannt worden.

Der demnächſt ſtattfindenden Abgangsprüfung an unſrer Schule wollen ſich 25 Schüler unterziehen. Über den Erfolg wird das nächſtjährige Programm berichten.

Höhere Bürgerſchule. 6