Aufsatz 
Zur Frage des Frankfurter Schulwesens
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

Theil meiner Vorklaſſen befindet ſich in dem benachbarten Waiſenhauſe, wohin andere Klaſſen dem⸗ nächſt nachzufolgen hoffen. Wäre nicht Oſtern 1870 dieWöhlerſchule zur Hilfe gekommen, ſo würde ſchon vor einem Jahre einer ziemlichen Anzahl ſchulpflichtiger Kinder die Alternative geſtellt geweſen ſein, entweder ein vielleicht manchem doch zu koſtſpieliges Inſtitut beſuchen oder die unterſten Klaſſen der Volksſchulen bis an die äußerſte Grenze räumlicher Möglichkeit anfüllen helfen zu müſſen. Und man darf ſich nicht täuſchen: auch die Wöhlerſchule wird über ihre dauernde Frequenz wird freilich auch der Charakter ihrer Weitergeſtaltung nach oben mit entſcheiden hilft unten nur ein paar Jahre; dann iſts gerade ſo wie vorher.

Das iſt doch ſicher ſchon ein gutes Stück Schulnoth, und gewiß iſt nichts, auch nicht das Mindeſte übertrieben, womit der Sache auch nicht gedient wäre. Aber es iſt doch nur die eine Seite der Schulnoth, auch nicht einmal die ſchlimmſte. Denn jedenfalls iſt hier, wenn energiſch vorgegangen wird, Abhilfe in nicht zu langer Zeit wohl möglich. Freilich, was eben im Werke iſt, die Eröffnung einer neuen Schule in Sachſenhauſen und der Schulbau im Rothen⸗Hof, das darf nicht als erhebliche Hilfe gelten wollen. Die neue Schule in Sachſenhauſen wird die dortige Schule in eine Knaben⸗ und eine Mädchenſchule trennen. Dadurch erleichtert und hebt ſich das jenſeitige Schulweſen wohl, aber die Geſammtlaſt wird nur unerheblich vermindert werden, wenn man irgendwie die großen Schülerzahlen in den Klaſſen reduzieren will. Die Roth⸗Hof⸗Schule aber ſoll meines Wiſſens an die Stelle der Katharinenſchule treten, worüber ja wohl ſchon ein Abkommen mit den Kirchengemeinden getroffen iſt. Verhält ſich das ſo, ſo iſt es vielmehr zweifelhaft, ob die neue Schule völligen Erſatz für die Katharinenſchule bietet, in der jetzt auch die Oberlehrerwohnung zu Schulzwecken benutzt wird. Und bleibt in dem Gebäude der Katharinenſchule eine(ſtädtiſche) Schule, ſo wird eben nur eine Mädchen⸗ ſchule von mäßigem Umfange gewonnen, für die die Schülerinnen längſt zum Theil wohl auch in meinen überfüllten Mädchenklaſſen bereit ſtehen. Indeſſen, wie ſchon geſagt, der Mangel an Schulen iſts nicht allein, was uns ſo hart drückt. Mit dieſem haben mehr oder weniger auch audere Städte zu kämpfen, und ſelbſt Leipzig, die in der Herſtellung eines allen Bedürfniſſen Rechnung tragenden Schulweſens verhältnismäßig am weiteſten vorgeſchrittene Stadt, kann nur mit Mühe mit dem wachſenden Bedürfniß gleichen Schritt halten. Es kommen noch anderweite Umſtände hinzu, die zu ermitteln wir uns zu der Frage wenden, was denn in Frankfurt a. M. dieſen Mangel an Schulen überhaupt habe entſtehen und groß werden laſſen.

Ehe wir in dieſe Auseinanderſetzung eintreten, ſei eine kurze Vorbemerkung geſtattet. Wolle niemand in der Klage zugleich die Anklage erblicken! Unbefriedigende Zuſtände legt man oft und gerne der Unthätigkeit oder verkehrten Wirkſamkeit Einzelner zur Laſt. Es ſcheint eine gewiſſe innere Erleichterung zu gewähren, wenn man die etwa vorhandene Verſchuldung auf einen engen Kreis oder einzelne Perſonen ſo zu ſagen abladet. Es iſt das in recht vielen Fällen recht verkehrt und nicht nur ungerecht, ſondern auch ſchädlich, weil gerade dadurch die Heilung der Üübelſtände nur erſchwert wird. Es gibt Übelſtände, zumal in öffentlichen Angelegenheiten, an denen, wenn man ſchärfer hin⸗ ſieht, niemand oder jeder Schuld hat: das heißt, der wirklich Schuldige iſt das Zuſammenwirken von allerlei Verhältniſſen, an denen mehr oder minder jeder Theil hat, ohne daß doch wieder der Einzelne, und wäre er noch ſo einſichtig, ſie zu ändern vermöchte. Vielleicht liegt die Sache in unſerem Falle ähnlich.

Zum zweiten kann zur Beruhigung derer, deren Herz und Sinn feſt und treu an ihrer