Aufsatz 
Zur Frage des Frankfurter Schulwesens
Entstehung
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Gründung der bekannten vier katholiſchen Schulen Erweiterungen nur inſofern ſtattgefunden, als die beiden Volks⸗(Bürger⸗)ſchulen in größere Gebäude verlegt worden ſind.

Mit der Errichtung der Bürgerſchulen konnte man allerdings eine Reihe von Jahren aus⸗ reichen; das lag in den hieſigen Verhältniſſen. Einer allzu raſchen Bevölkerungszunahme wehrten einigermaßen die den Zuzug und die Anſiedelung nicht erleichternden geſetzlichen Beſtimmungen, die gerade diejenigen Klaſſen der bürgerlichen Geſellſchaft beſonders trafen, welche vorzugsweiſe auf öffentliche Schulen für ihre Kinder angewieſen ſind. Die wohlhabenderen Familien hatten ſich, ſoweit ſie nicht ihre Söhne das Gymnaſium beſuchen ließen, vorzugsweiſe der Muſterſchule bedient, welche zwar nicht aus öffentlichen Mitteln dotiert war, aber weſentlich immer als öffentliche Schule wirkſam gedient hatte. Zudem waren zahlreiche Privatſchulen entſtanden, welche die nach der Organiſation von 1824 offen gebliebene Lücke ergänzten, indem ſie als Elementarſchulen für die Wohlhabenden und Reichen und zugleich als höhere Schulen moderner, nicht gymnaſialer Richtung dienten. Die iſraelitiſche Ge⸗ meinde hatte ſchon früh eine große wohlausgeſtattete Realſchule mit Elementarklaſſen gegründet, zu der ſich dann ſpäter noch eine zweite für die ſich ſeparierende orthodoxe Religionsgemeinde geſellte. So konnte in der That es ſcheinen, als ob für lange Zeit hin genügend geſorgt ſei, wenn man zu⸗ gleich in Betracht zieht, daß das Prinzip, daß von dem Staat oder der Stadt für eine ausreichende Zahl öffentlicher Schulen geſorgt werden müſſe, nicht amtlich ausgeſprochen, wie denn auch kein Geſetz über Schulpflichtigkeit erlaſſen worden war.

Dem Verfaſſer dieſer Blätter ſteht ein auf Anſchauung und Erfahrung gegründetes Urtheil über die hieſigen Schulverhältniſſe vor 1857 nicht zu. Aber davon durfte er bald nach ſeinem Eintritte in ſeine hieſige Wirkſamkeit ſich überzeugen: die Zwiſchenzeit zwiſchen 1824 und 1857 war denn doch um einiges zu lang geworden. Die überaus raſche Frequenzzunahme ſeiner Schule, die ſchon im zweiten Jahre es nöthig machte, zu unterſuchen, ob nicht noch ein drittes Stockwerk eingerichtet werden könne, bewies das aufs unzweideutigſte. Noch deutlicher ſprach die weitere Thatſache, daß der Hinzutritt unſerer jüngſten Schule, der mittleren Bürgerſchule, faſt ohne allen Einfluß auf die Sachlage war. Jedem der mit den Schulverhältniſſen größerer Städte einigermaßen bekannt iſt, mußte es völlig klar ſein: wir waren ſchon 1861 in der höchſt üblen Lage, mit jeder Eröffnung einer neuen Schule nur eine momentane Erleichterung erzielen zu können. Sollten wir den vorhandenen Bedürfniſſen wirklich genügen können, ſo mußten wir ſuchen, ähnlich wie 1824, gleich mehrere Schulen ins Leben zu rufen. Erſt dann war es möglich, in ruhigerer Entwicklung der ſtets wachſenden Forderung mit der entſprechenden Leiſtung zur Seite zu bleiben.

Nun aber ſind wir ſeit 1861 wieder ſtehen geblieben. Es ſollte auch nicht eines Wortes darüber bedürfen, daß dieſe überlange Pauſe die Bedürftigkeit zur Noth geſteigert hat. Kaum wird ſich unter unſeren öffentlichen Schulen eine einzige auffinden laſſen, welche nicht mit dem Überfluß an Schülern und mit dem Mangel an Raum zu kämpfen hätte. In den letzten Jahren zeigten ſich in einzelnen Klaſſen unſerer Bürgerſchulen Frequenzzahlen, welche über jedes vernünftige Maximum von Stadtſchulklaſſen weit hinausgehen; es fanden ſich über 100, wo ſchon 60 gerade genug waren, wenn in der Schule nicht bloß geſeſſen, ſondern auch gelernt werden ſoll. Faſt alle Schulen haben gethan, was ſie irgend vermochten, um einigermaßen dem Nothſtande zu helfen, und es nicht geradezu dahin kommen zu laſſen, daß viele Kinder ohne geregelten Unterricht bleiben mußten. Aus den Amtswohnungen der Dirigenten ſind bei mir ſchon ſeit 1863 Klaſſenzimmer gemacht worden; ein