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2 namentlich in den größeren Städten noch die Behauptung wagen, daß es in ihnen irgend jemand gebe, der eines leidlichen Maßes von Bildung nicht dringend bedürfe?— In der That, es iſt nur natürlich, wenn unſere Städte vor allen Dingen ſich mit ihrem Schulweſen und zwar ernſtlich, nach⸗ haltig, opferwillig beſchäftigen: es iſt eben eine Sache, die dem Ganzen ſo nahe liegt wie dem Einzelnen das eigene Kind, und iſt zudem eine Sache, die nicht moraliſch, ſondern auch materiell lohnt.
Dem Schulweſen der Städte, insbeſondere der größeren, verkehrsreicheren, iſt nun freilich in neuerer Zeit eine große Schwierigkeit erwachſen, eine Schwierigkeit, die zunächſt ſich ſogar noch ſteigern wird. Sie liegt einmal in der überaus raſchen Bevölkerungszunahme. Die neuere Geſetzgebung erleichtert die Ueberſiedelung und Anſiedelung gerade ſo ſehr, wie die Geſetze früherer Zeiten ſie zu erſchweren ſuchten. Gewerbefreiheit und Freizügigkeit geſtatten dem Arbeits⸗ und Erwerbsluſtigen, den Ort zu wählen, der ſeiner Thätigkeit das fruchtbarſte Feld zu bieten ſcheint, und das ſind für die meiſten jene ohnehin ſchon größeren und belebteren Städte. Wenn wir nun annehmen können, daß unter 100 neuzugezogenen Einwohnern ſich mindeſtens 10 Schulkinder befinden— und wir könnten einen höheren Prozentſatz aufſtellen—, ſo ergibt ſich, daß auf eine Bevölkerungszunahme von 3— 4000 Einwohnern durchſchnittlich eine neue Schule gerechnet werden muß. Raſch wach⸗ ſende Städte können alſo entfernt nicht daran denken, jemals die Hände in den Schoß zu legen und ſich behaglich deſſen zu freuen, was ſie ſchon gethan haben: das ſtetig wachſende Bedürfnis zwingt ſie ebenſo unermüdlich fortzuarbeiten, wie die treibende Urſache, die Bevölkerungszahl, ſtetig wächſt. Sie dürfen gar nicht warten, bis die Noth ſie zwingt, etwas zu thun, ſondern ſie müſſen durch recht⸗ zeitige Thätigkeit verhindern, daß je ein Nothſtand wirklich eintritt. Selbſt wenn wir dabei des Finanzpunktes nicht gedenken wollten, der aber in der That von ganz erheblichem Belange iſt, würden wir ſchon diejenige Schwierigkeit anerkennen müſſen, die in der Forderung ſolcher unermüdlichen und nicht ſich ſtoßweiſe in Momenten der Noth entwickelnden, ſondern ſtetig und umſichtig der Sache zur Seite bleibenden adminiſtrativen Thätigkeit liegt.
Indes dieſe Schwierigkeit iſt nicht die einzige. Um jetzt noch nicht von Frankfurt a. M. zu reden, wir ſehen Berlin z. B., das die rühmlichſte Thätigkeit für ſein communales Schulweſen entfaltet, mit einer anderen kämpfen. Dieſe anderweite Hinderung liegt darin, daß faſt in allen Städten die Organiſation eines öffentlichen ſtädtiſchen Elementar⸗ und Bürgerſchulweſens verhältnismäßig ſpät zur Hand genommen worden iſt. Es iſt hier nicht möglich, dies des Weiteren aus der Geſchichte des deutſchen Schulweſens nachzuweiſen; bekannt wird aber jedem ſein, daß der Schwerpunkt des öffentlichen Schulweſens in früherer Zeit und bis faſt auf unſere Zeit herab in den Gymnaſien und lateiniſchen Schulen einerſeits und andrerſeits in den in der Regel mit Kirchen enger zuſammenhängenden gewöhnlichen(deutſchen) Schulen lag. Gerade das Mittelgebiet, welches in den größeren und wohl⸗ habenderen Städten eine ſo große Rolle zu ſpielen berufen iſt, das der Bürgerſchulen und Mittel⸗ ſchulen, höherer Bürgerſchulen und Realſchulen(wobei an Anſtalten, welche dem Gymnaſium ſich völlig parallel zur Seite ſtellen, nicht gedacht wird), iſt in dem jetzigen Weſen und Umfange Produkt der neuen und neueſten Zeit. In den meiſten größeren Städten beſtand ſonſt mehr zwiſchen als neben den öffentlichen Schulen ein mehr oder weniger umfangreiches Privatſchulweſen; ja an vielen Orten beſteht es noch, wie z. B. in Hamburg, das erſt jetzt öffentliche ſtädtiſche Elementarſchulen zu errichten gedenkt. Nun iſt eins unzweifelhaft: das Privatſchulweſen iſt ein ſehr weſentlicher und nothwendiger Faktor im Unterrichtsweſen, namentlich ſo lange und wenn der Staat oder die Stadt


