Aufsatz 
Zur Frage des Frankfurter Schulwesens
Entstehung
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und Geſchicklichkeit immer nicht leicht und nicht bald gelingen wird, unſer Schulweſen in den normalen Stand und zu einer ruhiger geführten Weiterentwicklung zu bringen. Und hier wird ein eingehender Nachweis nicht wohl erlaſſen werden können. Es beſteht hier eben einer jener bedauerlichen circuli vitiosi, in denen ſich Zeit und Mühe und guter Wille erfolglos verzehrt. Wir können der Schulnoth nicht helfen, ohne die Schulfrage zu löſen; das volle Verſtändnis und die volle Würdigung der Schulfrage erwächſt ſicher nur aus der vollen und unmittelbaren Erfahrung aller der großen und kleinen Misſtände und Mängel, die wir hier in dem Ausdrucke Schulnoth zuſammengefaßt haben. Natürlich nicht jener Misſtände und Mängel, mit denen die Schule ſelbſt in ſich, mit ihren eigenen Mitteln und Kräften fertig zu werden vermag an dieſen wird ja auch dann für ſie reichlich Arbeit und Kampf übrig bleiben, wenn alles andere auf das beſte geordnet iſt: ſondern der in den all⸗ gemeinen Verhältniſſen, in Organiſation und Adminiſtration liegenden Hinderungen und Lähmungen, denen gegenüber die Schule ſelbſt ohnmächtig iſt.

II.

Unter den Angelegenheiten, mit denen ſich die größeren Städte in ihren Budgets wie in den Berathungen ihrer behördlichen Organe vielfach, ja unausgeſetzt zu beſchäftigen haben, hat namentlich in neuerer Zeit das Schulweſen faſt überall eine hervorragende, ja faſt die erſte Stelle eingenommen. Wer ſich die kleine Mühe zumuthen will, die Berichte über die Verhandlungen der Stadtbehörde in Berlin, Dresden, Leipzig ꝛc. in den Zeitungen zu verfolgen, wird finden, daß immer die Rede iſt von Schulanlagen, Schulerweiterungen und anderweiten Angelegenheiten des Schulweſens. Und in der That iſt innerhalb der letzten 15 20 Jahren in den deutſchen Städten und von dieſen Erfreuliches, ja man kann wohl ſagen Großes auf dieſem Gebiete geleiſtet worden. Das erſieht man in leicht zu gewinnender überſicht, falls die Gelegenheit zu unmittelbarer Betrachtung an Ort und Stelle fehlt, wenn man die ſtatiſtiſchen Mittheilungen des bekannten Schulkalenders von Mushacke vom Jahre 1871 etwa mit dem Jahrgange 1856 vergleicht. Die Zahl der Schulen und ſelbſt⸗ verſtändlich nicht bloß der höheren, für die dieſer Schulkalender beſonders beſtimmt iſt hat ſtetig und erheblich zugenommen, neue und ebenſo zweckmäßige wie geſchmackvolle Schulgebäude ſind ſelbſt in mittleren und kleineren Städten erſtanden, und nicht minder erweiſt ein Einblick in die Etats der Schulen, daß für das Beſoldungsweſen im ganzen viel geſchehen iſt und geſchieht.

Dieſe erfreuliche Thatſache erklärt ſich ſo leicht, daß ſie gar keiner Erklärung bedarf. Was kann einer Stadt mehr am Herzen liegen als das Wohl der Jugend, die in ihr aufwächſt? Selbſt wenn es nicht ſchon die Elternliebe wäre, welche die Bürger der Stadt antriebe, dafür zu ſorgen, daß ihre Kinder, wie groß oder klein auch ihre ſonſtige Mitgabe für den ſelbſtändigen Lebensgang ſei, jedenfalls das unſchätzbare Gut einer geſunden, tüchtigen, den Anforderungen der Zeit entſprechenden Bildung aus dem Elternhauſe mit hinaus ins Leben nehmen: verlangt es nicht ſchon das Intereſſe der Stadt ſelbſt, daß ſie ſich tüchtigen Nachwuchs heranziehe, der unmittelbar oder mittelbar das Gedeihen des Gemeinweſens zu erhalten und zu ſteigern befähigt ſei? Und wie ſehr ſteigert ſich das Gewicht dieſer Pflicht, wenn wir den Charakter unſerer Zeit bedenken! In welchem Maße ſind die Anforderungen an die Leiſtungskraft in allen Gebieten menſchlicher Thätigkeit gewachſen! Kann man