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unſere jetzige Frankfurter Schulnoth in mancher Beziehung für ein recht bedauerliches Unicum gelten können; ziehen wir gewiſſe einzelne Erſcheinungen ab, wie ſie eben hier ſich aus lokalen hiſtoriſchen Entwicklungen ergeben, und verſuchen wir zugleich, die beängſtigende Höhe des Nothſtandes zum Theil auf Rechnung beſonderer vorübergehender Umſtände zu ſetzen: ſo treten uns doch in den Bedürfniſſen, um deren Befriedigung es ſich handelt, ſowie in den Fragen, mit deren Löſung wir uns beſchäftigen, allerlei allgemeinere, keineswegs bloß Frankfurtiſche Momente entgegen. Es ſind zum Theil allgemeine, das gegenwärtige Schulweſen überhaupt berührende und bewegende Schulfragen, zum Theil wenigſtens ſolche, welche in den Schulbeſtrebungen größerer Städte ihre mehr oder minder hervortretende Rolle ſpielen. Und wenn wir auch diesmal in erſter Linie von den hieſigen Verhältniſſen und Bedürfniſſen ſowie von den für ihre Ordnung und Befriedigung einzuſchlagenden Wegen reden wollen, ſo ſoll und kann dies doch nicht geſchehen, ohne daß auch dem Ganzen und Allgemeinen die gebührende Rück⸗ ſicht zu Theil wird.
I.
Daß wir hier in Frankfurt an der Löſung einer Schulfrage ſeit geraumer Zeit arbeiten, oder daß, um mit dem Ausdruck„arbeiten“ nicht zu viel vorweg zu ſagen, hier eine ſolche Frage exiſtiert, das wird wohl kaum weitläufiger Erörterung bedürfen. Jeder weiß, daß ſie lange vor 1866 ſchon dawar und gar lebhafte Auseinanderſetzungen in Wort und Schrift hervorgerufen hatte. Auch wird ſich darüber niemand wundern können, da man vielmehr über das Nichtvorhandenſein einer ſolchen Frage und Diskuſſion ſich ernſtlich zu wundern Anlaß gehabt hätte. Handelt es ſich doch um eine Angelegenheit, welche von der allergrößten Bedeutung für das Wohl einer ſtattlichen und blühenden Stadt iſt, und deren zweckmäßige Ordnung, Leitung, Fortentwicklung anerkanntermaßen ſo erhebliche Schwierigkeiten darbietet, daß hinter einer jeden gelöſten Frage ſich wieder eine neue zu löſende erhebt, die Schulfrage ſomit im eigentlichſten Sinne permanent iſt und ſein muß. Freilich hat das— nicht bloß bei uns— die Wirkung, daß die Schulangelegenheiten leicht in die zweifelhafte Lage eines chroniſchen Leidens hineingerathen, dem mehr eine mäßig temperierte Theilnahme, als eine energiſche Hilfe zur Seite ſteht. Darum hilft die Exiſtenz einer„Schulfrage“ allein nicht, und gewiß auch der Nachweis dieſer Exiſtenz nicht; es muß die„Schulnoth“ dazu kommen, und wir müſſen auch ihr Daſein darthun, wenn die Sache an die Spitze der Tagesordnungen gebracht werden und helfende Thaten aus Berathung und Beſchluß hervorgehen ſollen.
Aber in Frankfurt eine„Schulnoth“? So fragt wohl mancher, den ſein Weg an unſern neueren ſtattlichen und freundlichen Schulgebäuden vorbeiführt, oder der mit einzelnen vortheilhaften Einrichtungen unſeres Schulweſens genauer bekannt iſt.„Wo ſteckt denn dieſe Noth? Üüberfüllte Schulen werden ſich ja erleichtern laſſen, wenn die neuen Schulgebäude erſt fertig und beziehbar ſind, an denen wir bauen, und denen wir ja gerne weitere Neubauten folgen laſſen werden. Und daß es ſonſt in unſeren Schulen etwa fehle an dem was nöthig und nützlich iſt, wie iſt das anzunehmen, da doch nimmer und von niemand dazu die erforderlichen Mittel verſagt oder verkürzt worden ſind?“— Und dennoch— ſo ſehr jener Skeptiker in gewiſſem Sinne Recht hat— leben wir hier jetzt in einer großen Schul⸗ noth, in einer ſo bedenklich geſteigerten, daß es angeſtrengteſter Thätigkeit im Verein mit Sachkenntnis


