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vorigen Jahre ſchon ſchien es mir faſt unmöglich, daß von unſeren Schulnöthen länger die Rede ſein könne; aber als die Einladungsſchrift geſchrieben werden mußte, und die alten Klagen und Wünſche wiederum ihr gutes Recht begehrten, da mußte ich doch mit recht ſchwerem Herzen ſchreiben, daß ſich nicht einmal mit Zuverſicht hoffen laſſe, die Klage des Jahres 1870 werde die letzte ſein, ſie koönne ſich vielleicht auch 1871 noch am Eingange der Chronik wiederholen.
Nun iſt es wirklich ſo gekommen: wir ſtehen in allem Weſentlichen genau auf dem Punkte von 1870 oder einem der vorhergehenden Jahre. Man entgegnet vielleicht, daß das eine natürliche Folge des Krieges ſei. Wer wollte nicht beſcheiden zurücktreten und ſeine beruflichen Angelegenheiten zurückſtellen, wenn er ſich ſagen müßte, daß das eben nothwendig ſei, wo es ſich um die Geſchicke von Völkern, um einen Rieſenkampf zwiſchen den größten Nationen des Kontinentes handele? Auch die Schule würde gewiß die Tugend der Entſagung zu üben wiſſen, obwohl ſie gewiß auch in ſolcher Zeit, und vielleicht grade in ſolcher Zeit, auf ſtetige Fürſorge und Pflege Anſpruch machen darf. Sie iſt ja keine Luxusanſtalt, die einmal eine Zeitlang knappere und kargere Behandlung wohl ertragen kann: ſie iſt ein Lebensbedürfnis wie Wohnung und Nahrung. Und wenn der grimme blutige Krieg einen Theil der jüngeren Generation auf den Schlachtfeldern begräbt und tauſende von Verwundeten und Siechen ihrer Arbeitskraft beraubt: da kann doch wohl die Sorge dafür nicht ſtille ſtehen, daß dem Vaterlande neue Kraft in den Jüngeren heranwachſe, tüchtig, die Lücken in den Reihen der Arbeitenden zu ergänzen, um dem mit ſo ſchmerzlichen Opfern errungenen Frieden abzugewinnen, was Einſicht und Fleiß ihm abzugewinnen vermag?—
Leider aber kann ich nicht einmal einräumen, daß jene Einrede völlig berechtigt ſei: ich glaube, ſo leid es mir thut, es ſagen zu müſſen, auch ohne die Kriegsbegebenheiten dieſes Jahres würde es nicht viel anders ſein. Selbſt wenn in der einen oder andern Richtung, ſo oder ſo, ein weiterer Anſatz gemacht worden wäre, unſere„Schulfrage“ wäre auch im Frieden ſchwerlich jetzt ſo weit, daß ein Jahresbericht das zu berichten hätte, was er ſo gerne berichten möchte.
Unter dieſen Umſtänden ſcheint es mir Pflicht, wenn das Programm überhaupt mehr als die üblichen hiſtoriſchen und ſtatiſtiſchen Mittheilungen enthalten ſoll, die Auseinanderſetzungen, welche ſonſt in dem zweiten Theile eine Stätte fanden, diesmal in den erſten Theil zu verlegen. Wiſſen⸗ ſchaftliche und pädagogiſche Abhandlungen haben gewiß ihr gutes Recht in den gewöhnlichen Zeit⸗ läuften und unter Verhältniſſen, die irgend noch normale genannt werden können. Für unſere Frankfurter Schulen aber gibt es zur Zeit, bei allem Reſpekt vor ſchulwiſſenſchaftlichen und metho⸗ diſchen Abhandlungen, ein Thema, das an Wichtigkeit alle andern übertrifft: das iſt eben unſer hieſiges Schulweſen ſelbſt und ſeine definitive Ordnung.
Man wird es darum hoffentlich nicht misbilligen, wenn ich diesmal von dem rede, was doch Tag für Tag im Schulleben, und ſelbſt unter den mächtigen Eindrücken der großen Ereigniſſe dieſer Zeit, das Herz erfüllt, worauf man doch Tag für Tag wieder hingewieſen wird, und das uns Tag für Tag mit ſeiner Hilfsbedürftigkeit mahnt. Den auswärtigen Leſern unſerer Programme freilich wird damit vielleicht nicht gedient ſein, aber deſto mehr hoffe ich auf die hieſigen. Iſts ja doch ihre eigene Angelegenheit, eine der ſchwerſten und theuerſten Aufgaben der Familien, iſts doch die Jugendbildung bei uns und deren geſicherte oder zu ſichernde Ordnung, die diesmal an die Spitze des Programmes zu treten ſich geſtattet.
Zudem, auf eine lediglich lokale Bedeutung iſt unſer Thema kaum beſchränkt. Mag auch


