Aufsatz 
Die Schule und die Familie
Entstehung
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wicklung des Kindes iſt entſchieden weit ſchlechter berathen, und doch kommt gewiß auf dieſen Theil der erſten Erziehung außerordentlich viel an. Bis zu einem gewiſſen Grade iſts freilich wahr, daß jede Fa⸗ milie an dem älteſten Kinde zuerſt erziehen lernen muß; aber es wäre immerhin wünſchenswerth, daß ſich dieſes oft ſehr naturaliſtiſche Experimentieren in den durch die Sache gegebenen Grenzen hielte. Wenn die erſten Entwicklungsphaſen des geiſtigen und gemüthlichen Lebens in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt würden, gewiß würde man ebenſo ſorglich nach der rechten Nahrung für des Kindes wach werdenden Geiſt, nach der richtigen Behandlung ſeiner ſich kundgebenden Neigungen und Begierden fragen, wie das jetzt mit der leiblichen Nahrung, mit den phyſiſchen Regungen der Fall iſt. Nicht allzuviel doktrinärer Apparat, aber ein wenig von Umſchau in Erziehungsfragen wäre wohl zu wünſchen, und es iſt in der That bedauerlich, daß, wo ſonſt alles und ſelbſt jeder Populariſierung Widerſtrebendes zu populariſieren verſucht wird, ſo wenig von Volksblättern und Volksſchriftſtellern für die Verbrei⸗ tung richtiger Erziehungsgrundſätze und praktiſcher Rathſchläge gethan wird. Kindergärten und Er⸗ ziehungsvereine mit dieſer Tendenz, ohne Nebenzwecke und weitgehende Reformpläne, könnten außer⸗ ordentlich viel Gutes wirken.

Je mehr das Kind heranwächſt, deſto mehr mindern ſich allerdings die kaum überwindlichen Schwierigkeiten des erſten Erziehungsſtadiums; aber dieſe Schwierigkeiten weichen nur, um andern Platz zu machen. Daher begegnen wir denn auch weiterhin den mannigfachſten und bedenklichſten Irrthümern und Fehlgriffen. In ſehr, ſehr vielen Fällen leiten ſie ſich in der That aus Mangel an Verſtändnis der Aufgabe ab. Daß der väterliche Erzieher ſein Kind eben nur von ſich ſelbſt aus, gewiſſermaßen als das Ich in verkleinertem Maßſtabe betrachtet oder von irgend einem ſchematiſchen Muſtermenſchen aus, der natürlich nur in der Vorſtellung exiſtiert, aber nicht ausgeht von der doch nach allen Seiten hin gegebenen Individualität des Kindes, das begegnet ja, man möchte ſagen, alle Tage. Und wer in langjährigem und vielſeitigem Verkehre mit der Jugend die wunderbare Mannigfaltigkeit menſchlicher Charaktere kennen gelernt hat, wer weiß, daß ſelbſt in einer zahlreichen Gemeinſchaft ſich kaum zwei finden, die einander annähernd gleich ſind: der begreift wohl, wie ſchwer es der Familie werden muß, drei, vier und mehr an Leib und Seele weſentlich verſchieden geartete Kinder gemeinſchaftlich und doch individualiſierend zu erziehen, aber er muß auch täglich ſehen, wie wenig dieſe Schwierigkeit wirklich überwunden wird. Kurzum, mag ſich auch die Familienerziehung ſelbſt ſpäterhin eine freiere Bewegung geſtatten und ſich die oft recht ohne Grund gefürchtete pedantiſche Schulweisheit fern halten dürfen, ein wenig Kenntnis pädagogiſcher Theorie und ein wenig Ver⸗ trautheit mit Erziehungskunſt würde doch weſentlich fördern und erleichtern.

In dieſer Zeit nun tritt die Schule der Familie zur Seite; ſie nimmt ihr einen weſent⸗ lichen Theil der Erziehungsarbeit ab und ſucht ihr auch das zu erleichtern, was außerhalb des Kreiſes der Schule für jene an Erziehungspflichten übrig bleibt. Aber wie ſie Helferin iſt, ſo bedarf ſie auch ſelbſt der Hilfe; ſie macht den doppelten Anſpruch, von der Familie direkt unterſtützt zu werden und was ſtreng genommen ſich lediglich von ſelbſt verſtehen ſollte nicht gehindert zu werden in der Erfüllung der übernommenen Pflichten. Und auch hier gilt es zunächſt Verſtändnis der Ziele der Schule und der Mittel, welche dieſe zur Erreichung derſelben benutzt. Das volle und bewußte Zuſammenwirken von Schule und Haus iſt ohne dieſe genauere Kenntnis der Schule nicht wohl möglich, welche wiederum ohne enge Fühlung beider nicht erworben werden kann. Auch auf dieſem