Aufsatz 
Die Schule und die Familie
Entstehung
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Erziehungsaufgabe ablenken oder wenigſtens ihre Erfüllung in falſche Bahnen lenken, im Gegentheile mahnen und treiben ſollten, unter allen Sorgen die für eine ſorgfältige Erziehung der Jugend voranzuſtellen.

Wenn aber das Verhältnis der Familie zur Erziehung überhaupt nicht in dem Maße ent⸗ wickelt und fortgeſchritten erſcheint, wie das Erziehungsbedürfnis und die Schwierigkeit der Erziehung gewachſen iſt, ſo wird auch die Beziehung zu dem engeren Erziehungsgebiete, mit welchem ſich die Schule beſchäftigt, nicht frei geblieben ſein von jenen Mängeln und Fehlern. Es handelt ſich zwar um einen bevorzugten Theil der Erziehung, um die Ausrüſtung mit der für das ſpätere Leben nothwendigen geiſtigen Bildung. Hier treibt nicht blos der Intellektualismus der Zeit, ſondern auch das Leben ſelbſt mit ſeinen erhöhten Forderungen. Daher begegnen wir hier eher einer überreizten Thätigkeit, einem unruhigen Drange, die Kinder möglichſt früh ans Lernen zu bringen und ihnen in möglichſt kurzer Zeit möglichſt viele Fertigkeiten beizubringen. Es iſt ſo ziemlich das Widerſpiel des Verhaltens hinſichtlich der Erziehung im engeren Sinne, für die es vielfach, wie ſchon geſagt, an Sinn, an Einſicht und Ausdauer fehlt; es geſchieht für die unterrichtliche Bildung der heutigen Jugend im ganzen viel, ja man könnte ſagen, bisweilen zu viel.

Hier tritt nun die Schule als Stellvertreterin und als Helferin der Familiie zur Seite. Heut zu Tage kann von einem unmittelbar durch die Familie ſelbſt ertheilten Unterricht, von der eigentlichen Familienſchule kaum noch die Rede ſein; ſelbſt der Unterricht in der Familie iſt nur Ausnahme oder iſt Ergänzung des Schulunterrichtes. Dieſer Theil der Erziehung fällt der Haupt⸗ ſache nach denjenigen mannigfachen Veranſtaltungen zu, welche wir Schule nennen. Aber die Schule, wenn auch ein ſelbſtändiger und von der einzelnen Familie unabhängiger Organismus, kann doch nur in ihrer höchſten Entwicklungsſtufe, der Univerſität oder Akademie, welche wir gemeiniglich nicht mehr Schule nennen, der Verbindung mit der Familie entbehren. Erſt in der Hochſchule löſt ſich die wiſſenſchaftliche Bildung ſelbſtändig ab; alle Mittel⸗ und niederen Schulen ſind noch zugleich Erziehungsanſtalten, in welchen der Unterricht das vornehmſte Mittel der Erziehung iſt. Nicht, daß unter dieſer Betonung des erzieheriſchen Momentes die Lehraufgabe irgend zu leiden hätte: im Gegen⸗ theile, die Erreichung dieſer allerdings nächſten und nicht aus den Augen zu laſſenden Aufgabe wird durch nichts mehr gefördert als durch den erzieheriſchen Geiſt des Unterrichtes. Die Schule will nicht blos Gedächtnis und Denkkraft üben und bilden, ſondern auch auf das Gemüth, auf den Charakter einwirken; eine harmoniſche Entwicklung des jungen Erdenbürgers iſt ihr hohes und ſchönes Ziel. Und darum kann ſie, obwohl ſie die Fürſorge für einen Theil der Jugendbildung faſt vollſtändig übernimmt und dabei nicht nach der Weiſung des Einzelnen, ſondern theils nach vorgeſchriebener Ordnung, theils nach eigner Ueberzeugung verfährt, nirgends des engen und engſten Verbandes mit der Familie entbehren. Sie muß aber wegen des Antheils an der Erziehung, welcher in dem Unterricht und in der Zucht der Schule liegt, mit dem Hauptfaktor der eigentlichen Erziehung, dem Hauſe, nothwendigerweiſe in Zuſammenhange bleiben, wenn ſich nicht die auf dasſelbe Objekt, das Kind, wirkenden erzieheriſchen Kräfte von einander trennen, iſoliert wirken, vielleicht ſogar hindern ſollen. Es heißt nicht blos nebeneinander, ſondern auch miteinander! Das muß die Loſung für Schule und Haus ſein.

Mit einander! Verſtändigen wir uns darüber, was das heißt, damit dieſes Wort nicht zu einem jener beliebten Schlagwörter werde, mit denen man den Mangel klarer Gedanken zu verdecken