Aufsatz 
Die Schule und die Familie
Entstehung
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erſchwerend. Denn die Vorausſetzung für alle Erziehung iſt offenbar Kenntnis der zu erziehenden Perſönlichkeit nach allen Seiten hin. Wenn es aber ſchon ſchwierig genug iſt, den überall entwickelten, klar und frei im Leben in Wort und That heraustretenden Menſchen richtig zu erkennen und richtig zu beurtheilen, um wie viel ſchwerer iſt das gegenüber Kindern, wo es ſich um zarte Keime, um feine Fäden handelt, deren Entwickelung und Richtung der Erziehende faſt divinatoriſch erfaſſen muß! Es giebt wohl Naturen, die, man möchte ſagen, von dem erſten Worte an, das ſie ſprechen können, ſo frei und rückhaltlos aus ſich heraustreten, daß es nicht der Kunſt und nicht der Mühe des Er⸗ kennens bedarf; aber jeder weiß, wie zahlreich auch die entgegengeſetzte Erſcheinung iſt, daß ſchon in dem Kinde die Dunkelheiten und Widerſprüche menſchlichen Weſens die Erkenntnis der Charakter⸗ anlage außerordentlich ſchwierig machen. Solche Räthſel zu löſen, das erfordert ſelbſt wenn einige Menſchen⸗ und Lebenskenntnis vorausgeſetzt werden darf jedenfalls Sinn für ruhige Beob⸗ achtung und Ausdauer in derſelben. Vor dem Lehrer hat nun freilich die Familie, haben in erſter Linie Vater und Mutter den ungleich größeren Reichthum an Gelegenheiten zur Beobachtung der Kindesnatur voraus, die das Zuſammenleben im Hauſe darbietet, und vor allem die Elternliebe voraus, welche eine Fülle von erziehender Kraft in ſich birgt. Beides iſt dennoch nicht im Stande, den ſchwerſten Irrthümern und folgenreichſten Misgriffen überall vorzubeugen. Darum iſt wohl zu allen Zeiten in der Erziehung viel geirrt worden, und gewiß nicht am wenigſten in unſern Tagen, die leider der Erziehung, wie ſehr ſie dieſelbe auch zu fördern ſcheinen, gar ernſtliche Hinderniſſe bereiten. Weil dieſe Hinderniſſe und Erſchwerungen zum Theile in allgemeinen Zuſtänden und Zeitſtrömungen liegen, mindert ſich freilich Verantwortung und Schuld des Einzelnen, aber um ſo heiligere Pflicht iſt es, die Augen offen zu halten und, ſoweit es möglich iſt, jene Hinderniſſe zu beſeitigen, jene Erſchwerungen zu überwinden. Und ſo gilt es auch nicht für alle, aber es gilt für viele, wenn wir behaupten, daß der Sinn für die Erziehung, welche doch weſentlich eine innere, geiſtig⸗ſittliche Aufgabe iſt, Noth leidet durch das vorherrſchend nach außen gehende Treiben unſrer Zeit. Das Leben der Familie kann nicht unberührt bleiben und bleibt es nicht; die äußeren Momente der Erziehung treten in den Vordergrund, die inneren, wichtigeren und ſchwierigeren werden, gewiß nicht überall, aber vielfach vernachläſſigt. Wer ſich mit einer leidlichen äußeren Politur, in Verbindung mit einer mehr oder minder oberflächlichen intellektuellen Bildung, begnügen will, der kann freilich ſich darüber freuen, wie weit ſich beides nach unten hin verbreitet hat. Wer aber auf der andern Seite zu erkennen Gelegenheit hatte, wie viel Unedles und ſelbſt Rohes hinter jenem dünnen Anſtrich ſo oft liegt, und wie jene geiſtige Bildung ſo oft aller Tiefe entbehrt und oft gar nicht innerlich Wurzel gefaßt hat, der darf wohl beklagen, daß dieſe Scheinkultur und Halbbildung ſo weit nach oben vordringt. Hier kann von den Hinderniſſen nicht die Rede ſein, welche dem Ärmeren allerdings bei der Verfolgung ſeiner Erziehungszwecke im Wege ſtehen; vor allem nicht von dem Mangel an Zeit für dieſelbe. Unter allen Erſcheinungen auf dem Felde des Erziehungsweſens iſt wohl keine ſo traurig, fordert keine ſo ſehr zu Prüfung und Mahnung auf, als dieſe, daß der Familie oft für die wichtigſte aller ihrer Aufgaben die ausreichende Zeit nicht bleibt, der einen, weil die Noth des Lebens alle Zeit und alle Kraft begehrt, der anderen weil der Genuß des Lebens für dieſe ſo ernſte Angelegenheit keinen Raum übrig läßt. Es iſt das um ſo bedauerlicher, als dieſelben Verhältniſſe, welche die erziehenden Kräfte der Familie feſſeln, dieſelben Zeiterſcheinungen und Zuſtände, welche Sinn und Kraft von der