Aufsatz 
Die Schule und die Familie
Entstehung
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ſeltenes Gut, vielmehr Unruhe, Unzufriedenheit heimiſch geworden unter uns. Selbſt die Jugend werde um ihr goldenes Vorrecht glücklicher Unbefangenheit gebracht: frühzeitig in die Reflexionen und Spekulationen der ſpäteren Jahre eingeweiht, frühzeitig eingetaucht in das raffinierte Kulturleben, werde ſie auch zeitiger als ſonſt inneren Konflikten preisgegeben, wie denn Selbſtmord ſelbſt in jugend⸗ lichem Alter unſern Tagen nicht fremd geblieben ſei. Selbſt das Lob, das unſerer Jugenderziehung wenigſtens in dem einen Punkte, der intellektuellen, zu Theil wird, entgeht nicht dem Schickſale der Verkleinerung. Wenn auch in dieſer Beziehung ein doppelter Fortſchritt zugeſtanden werden muß, daß nemlich intellektuelle Bildung, vermittelt durch Unterricht, jetzt bis in die niedrigſten Schichten der Bevölkerung dringt oder doch zu dringen ſucht, und daß ferner der geiſtige Bildungskreis ſich erheblich erweitert hat, namentlich nach der Seite der Naturwiſſenſchaften hin, ſo will man doch Mangel an Tiefe und Gründlichkeit des Wiſſens wahrnehmen, ſpricht von Überfütterung mit Kenntniſſen anſtatt der Entwicklung geiſtiger Kraft, kurzum man ſpricht faſt von einer Abnahme der geiſtigen Bildung, wenigſtens der Qualität derſelben, wofür freilich der tröſtliche Hinblick auf die Verbreiterung der Terrains ausreichenden Erſatz nicht bieten würde.

Wäre aber von dieſen Klagen nur die eine und andere, wäre dieſe auch nur einigermaßen berechtigt, ſo würde allerdings mit Beſtimmtheit auf ein nicht genügendes Verhältnis der Familie zur Erziehung geſchloſſen werden müſſen, und es würde, da die Familie faſt immer die Mitwirkung der Schule bedarf, auch für die Beziehung dieſer beiden Faktoren zu einander ein zweifelhaftes Präjudiz entſtehen. Nun wird ſchwerlich jemand, der ebenſo ernſt wie unbefangen in das Leben unſrer Tage hinausblickt, in Abrede ſtellen wollen, daß jene oben kurz zuſammengefaßten Klagen zum Theil doch mit Recht geäußert werden. Wenn auch nicht überall Erziehung und Erziehende verantwortlich gemacht werden können dafür, daß mancher Zögling verloren geht oder erſt nach ſchweren und ſchmerzlichen Irrungen, vielleicht am Abend ſeiner Tage, Frieden und Freude wiederfindet, ſo gibt es doch ſicher Fälle genug, wo allerdings Mangel an erzieheriſcher Fürſorge oder verkehrte Weiſe der Erziehung einen erheblichen Antheil an Miserfolg und Misgeſchick haben. Erklärt ſich dies doch ſchon durch einen Blick auf die Schwierigkeit der Aufgaben, die, an ſich ſchon groß genug, ſich durch die Eigen thümlichkeit unſrer geſammten Zeitverhältniſſe noch weſentlich ſteigert. Man darf freilich von der Erziehung nicht zu viel, nicht Alles fordern. Der zu Erziehende iſt ja kein Stoff, den die kundige und geſchickte Hand des Erziehers nach einem Muſter formt und ausgeſtaltet: der Zögling wird nicht, dem menſchliſchen Kunſtwerke ähnlich, erſt etwas durch den bildenden Künſtler: die Freiheit des Er⸗ ziehers iſt von Haus aus und weſentlich beſchränkt dadurch, daß der Knabe den künftigen Mann ſchon in ſich trägt, daß er nur das werden kann, was ihm ſeine eigenthümliche Anlage zu werden erlaubt. Das ſchließt nicht aus, daß die Erziehung gewiſſe allgemeine Ziele überall verfolge und auch wirklich an allen ihren Zöglingen zu erreichen ſuche; aber ſie darf nie und nirgends das Recht der einzelnen Individualität dabei preisgeben. Es iſt deshalb, beiläufig bemerkt, eine wirkliche Maſſenerziehung nicht möglich; über eine Maſſendisciplinierung kommt man in großen Internaten nicht wohl hinaus; das erziehende Moment liegt hier neben den mehr zufälligen Einwirkungen der Erziehenden auf Einzelne, weit mehr in dem Einfluß, welchen die Maſſe ſelbſt auf ihre Beſtandtheile ausübt. Jene Beſchränkung aber wirkt viel weniger erleichternd, indem ſie etwa von vornherein die Erziehungs⸗ beſtrebungen gering zu ſchätzen verleitet, was ein arges Misverſtändnis wäre ſondern vielmehr

Höhere Bürgerſchule. 2