Aufsatz 
Die Schule und die Familie
Entstehung
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die Wahrheit übrig, daß wir noch viel, ſehr viel zu thun haben, um zu wirklich befriedigenden, unſerer würdigen Zuſtänden auf dieſem Gebiete zu gelangen. Und machte man den weiteren Einwurf, daß es ſich bei der Erziehung um Ziele handelt, die voll und ganz zu erreichen, menſchlicher Schwäche und Unvollkommenheit, der nie und nimmer zu beſeitigenden, niemals vergönnt ſein werde, ſo würde ja auch das nicht von der Verpflichtung entbinden, mit allen Kräften wenigſtens das Erreichbare anzuſtreben.

Eine ins Einzelne hineingehende Betrachtung unſrer Erziehungsverhältniſſe liegt nun freilich nicht innerhalb der Grenzen, welche dieſes Schriftchen ſich zu ſtecken durch die nothwendige Rückſicht auf Zeit und Raum gezwungen iſt. Die Grenzlinie beſtimmt ſich durch den Punkt, von dem ich ausgehe, durch die Schule, die an der Erziehung mitbetheiligt iſt, und zwar theils als Helferin, was ſie in Bezug auf diejenige allgemeine ſittliche, geiſtige und phyſiſche Entwicklung des Menſchen zu ſein ſucht, welche wir gemeiniglich Erziehung nennen, theils als ſelbſtändige Vertreterin aller bei den Erziehungsreſultaten betheiligten Faktoren, was ſie in Bezug auf die intellektuelle Entwicklung der Jugend durch planmäßig geordneten und methodiſch ertheilten Unterricht zu leiſten bemüht iſt. Wenn ſomit von der Schule aus auch nicht das ganze Gebiet der Erziehung überſehen wird, ſo doch ein ſehr anſehnlicher Theil derſelben, ſo daß ſich dem Beobachtenden allerdings mancher über das unmittel⸗ barſte Terrain der beruflichen Thätigkeit hinausreichende Blick eröffnet. Dadurch aber wird er wiederum auf dieſes nächſte Terrain zurückgeführt, um im Keim und Anfange diejenigen Erſcheinungen zu ver⸗ folgen, die ihm jenſeits jener Grenze entgegentreten, und ſo oft erſt zur volleren Erkenntnis ſeiner unmittelbaren Aufgaben zu gelangen. Und im entgegengeſetzten Wege wird das, was ſich in dem Erziehungsfelde der Schule und bei der Erziehungsarbeit derſelben wahrnehmen läßt, jedenfalls auch beitragen zur Erkenntnis und Würdigung der allgemeinen, über die Schule hinausreichenden Erziehungszuſtände.

Hören wir nun auf jene klagenden und tadelnden Stimmen, woran fehlt es denn noch ihnen? Es ſpricht für dieſe Ausſtellungen, daß ſie mit ziemlicher Uebereinſtimmung dieſelben Momente hervorheben. Wir hören im ganzen weniger davon reden, daß unſere Jugend zu wenig lerne, in ihrer intellektuellen Bildung zurückbleibe; noch weniger wird der Fortſchritt in Abrede geſtellt, welchen die Fürſorge für die leibliche Entwicklung erfahren hat; endlich wird wohl auch anerkannt, daß diejenige äußere Kultur, welche ſich etwa als geſellſchaftliche Bildung bezeichnen ließe, ſich weithin verbreitet hat. So bleibt hauptſächlich das Gebiet der Charakterbildung als Objekt der Kritik übrig, und hier fehlt es auch nicht an kritiſchen Bedenken. Es fehle, ſagt man, an Idealität der Lebens⸗ auffaſſung, wie ſie namentlich der deutſchen Jugend eigen ſein müſſe, an dem Sinne für das Hohe und Höchſte, welcher Kraft im Kampfe mit Schwierigkeiten verleihe, welcher Maßhalten lehre im Glück und Standhalten im Leide. Frühe ſchon beſchleiche das Herz des Knaben die Selbſtſucht, die Wurzel alles Uebels, und zwar nicht einmal in der immerhin edleren Richtung ehrgeizigen Dranges nach geiſtiger Herrſchaft, ſondern in der Richtung auf das Aeußerliche, welche das Mittel zum Zwecke mache. Damit gehe denn auch die Pietät verloren, jene liebevolle Ehrfurcht vor göttlicher Ordnung und durch das Alter geheiligter Sitte; das Individuum verſuche überall ſich von den Ge⸗ meinſchaften, in welche es geſtellt ſei, zu emancipieren und lediglich die oft nur vermeintlichen Intereſſen ſeines Ich zur Geltung zu bringen. Herzenseinfalt, Beſcheidenheit, Demuth, Gehorſam ſeien faſt verlorene und faſt verrufene Eigenſchaften; dafür ſei auch wahres Glück, ruhige Zufriedenheit ein