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der betreffenden Anſtalt entgegenbringen,— das weiſt doch deutlich darauf hin, daß Theorie und Praxis, Ideal und Wirklichkeit auch hier ſich keineswegs decken. Betrachten wir daher zunächſt dieſe Wirklichkeit. Wie verhält es ſich faktiſch mit dem Verhältnis zwiſchen Schule und Familie?— Wie ſteht das Haus zur Erziehung und zur Schule? Wie dieſe zu der Familie?
II.
Die Schwierigkeit der Beantwortung der zuerſt geſtellten Frage erkennt ſich leicht. Sie liegt zum guten Theile darin, daß aus ſpezieller und beſten Falls doch begrenzter Erfahrung Reſultate von allgemeiner Gültigkeit gezogen werden ſollen. Mit gutem Rechte verhalten wir uns mistrauiſch gegen dieſe Neigung, zu generaliſieren, als die Quelle gar vieler Irrthümer und Ungerechtigkeiten. Und dennoch, wie möchten wir ihrer entbehren? Wie würde die Anſicht und Anſchauung des Lebens ſinken, wenn unſere Erfahrungen ſich nicht unter allgemeinere Geſichtspunkte ordnen, ſondern lediglich eine wüſte Maſſe iſolierter Einzelheiten in uns bleiben ſollten? Darum wird auch nicht ſowohl das Recht ſelbſt beſtritten als vielmehr die allzu raſche, unbeſonnene, vorwitzige Ausübung deſſelben. Es bedarf der Umſicht, der zurückhaltenden Vorſicht, und ganz beſonders gilt dies von der Generali⸗ ſierung der in unterrichtlichen und erziehlichen Dingen erworbenen Erfahrung; nirgends ſoll man oder ſollte man behutſamer bei der Aufſtellung allgemeiner Sätze verfahren. Gelänge es aber auch— was ich für mich nicht in Anſpruch zu nehmen wage— die feine Grenzlinie inne zu halten, wo ſich Spezielles und Allgemeines, Ausnahme und Regel ſcheidet, ſo bliebe eine zweite nicht minder erheb⸗ liche Schwierigkeit übrig. Dergleichen Auseinanderſetzungen verlangen vor allem, wie objektive und parteiloſe Auffaſſung der Verhältniſſe, ſo auch Offenheit und Freimuth der Darlegung. Weder die beliebte und bequeme Schönfärberei, die alles vortrefflich findet, um nicht bloß andern, ſondern auch ſich ſelbſt die Mühe der Aenderung zu Beſſerem zu erſparen, vermag fördernd auf die Lage der Dinge einzuwirken, noch jene hyperkritiſche Schärfe, welche nur zerſetzt und auflöſt, nicht aber bindet und ſtärkt. Verſuchen wir auch hierin den richtigen Weg einzuſchlagen und einzuhalten.
Schon in den Einladungsſchriften früherer Jahre habe ich mich zu der Anſicht bekennen müſſen, daß es um die Jugenderziehung keineswegs ſo gut ſtehe, wie man ſo mancher Lobpreiſung unſerer Kulturzuſtände gegenüber wohl erwarten dürfte. Man erblicke darin keine grämliche Be⸗ mängelung der gegenwärtigen Zuſtände oder eine ungerechte Herabſetzung derſelben gegen frühere. Nicht in der Weiſe vollzieht ſich ja der kulturliche Fortſchritt, daß die Bewegung auf allen Lebens⸗ gebieten gleichzeitig und gleichmäßig erfolgt; die Entwicklung iſt im Gegentheile eine ungleichmäßige, momentan ſogar einſeitige, einzelne Gebiete entſchieden bevorzugende. Man kann ſehr wohl ſich des Kulturfortſchrittes der Gegenwart freuen, kann warm und dankbar anerkennen, wie vieles und um wie vieles es beſſer geworden gegen früher, und kann doch in der einen oder andern Beziehung wenn nicht geradezu einen Rückſchritt beklagen, ſo doch bekennen müſſen, daß wir da und dort gegen den Geſammtfortſchritt zurückgeblieben ſind, daß wir da und dort nachzuholen haben. Ein ſolches Gebiet ſcheint mir— es iſt das keine leichthin gewonnene Ueberzeugung— das der eigentlichen Erziehung zu ſein. Die Klagen, die wir hören, die Erfahrungen, die wir machen, ſprechen zu laut, als daß wir ſie kurzer Hand abweiſen könnten, und ſelbſt, wenn diejenigen Recht hätten, welche behaupten, daß es früher damit nicht anders, ja ſogar noch ſchlechter geſtanden habe, ſo bliebe doch zum mindeſten


