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einmal zu ſagen, das iſt nicht Mangel an anderen mit den unterrichtlichen und erziehlichen Aufgaben unſerer Schule zuſammenhängenden und zur Beſprechung geeigneten Fragen, ſondern die feſte Ueber⸗ zeugung, daß es kaum eine zweite gibt, die ſich mit jener an Wichtigkeit und Dringlichkeit meſſen kann, zumal eben für meine Schule und in der jetzigen Zeit. Auf der Entwicklung und Erhaltung des wichtigen Verhältniſſes zwiſchen Schule und Haus beruht weſentlich nicht bloß der Erfolg der unter⸗ richtlichen und erziehlichen Bemühungen der Schule, ſondern auch der Bildungs⸗ und Erziehungs⸗ beſtrebungen der Familie. Dieſe pädagogiſche Grundwahrheit theilt das Schickſal aller ſolcher Funda⸗ mentalſätze: die Wirklichkeit bleibt in ihrer Erfüllung mehr oder minder hinter der idealen Forderung zurück. Es iſt deshalb nicht bloß zuläſſig, ſondern geradezu nothwendig, an ſolche Hauptſätze immer wieder von neuem zu erinnern und die Mitbetheiligten auf ihre praktiſche Bedeutung hinzuweiſen. Insbeſondere müſſen immer wieder die für das Ganze wie für den engeren Kreis ſich aus dem Satze ergebenden Konſequenzen gezogen werden, ſchon weil die Erfahrung des Lebens es überall bezeugt, daß einen Grundſatz als richtig anerkennen und dieſen Grundſatz praktiſch aus⸗ und konſequent durch⸗ führen zweierlei iſt; bekanntlich iſt nichts konſequent als die Inkonſequenz. Zudem iſt es nicht allein die Folge allgemein menſchlicher Schwäche in und an den Einzelnen, daß ſehr einfach und ſelbſtver⸗ ſtändlich klingende Wahrheiten zu nur ſehr unvollkommener Verwirklichung gelangen und bisweilen ſogar ganz und gar vergeſſen ſcheinen; die Individuen und engeren Gemeinſchaften ſtehen unter dem Einfluſſe des Geſammtlebens, jenes undefinierbaren Etwas, das wir Geiſt der Zeit, ſoziale Zuſtände, Zeitſtrömung nennen. Dieſer mächtige und geheimnisvolle Faktor fördert und hindert, ſtellt ins Licht und verdunkelt, rückt aneinander und trennt, beſchleunigt Entwickelungen und verzögert ſie wieder zu Gunſten neuer Günſtlinge. Dergleichen Strömungen berühren gerade die Gebiete am empfindlichſten, um welche es ſich hier handelt, das der Familie und das der Schule, weil beide mit dem Geſammt⸗ leben der Zeit durch tauſend Fäden verbunden ſind, und indem ſie ſelbſt von dieſen Einflüſſen be⸗ rührt werden, wird auch ihr Verhältnis zu einander nothwendigerweiſe in Mitleidenſchaft gezogen. In Bezug auf die Schule wie auf die Familie, und nicht minder auf ihr gegenſeitiges Verhältnis ſcheint mir der Einfluß der jetzigen Geſammtzuſtände allerlei Wirkungen auszuüben, welche dringend auffordern, immer wieder auf die einfachen und natürlichen Grundprinzipien zurückzukommen. Dieſe Aufforderung wird hier bei uns durch die Veränderungen unterſtützt, welche ſich in Folge der poli⸗ tiſchen Ereigniſſe des Jahres 1866 bei uns und an uns vollzogen haben, und die, ihren weitgreifen⸗ den Einfluß auch auf das Gebiet des Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſens ausdehnend, den vollen Einklang, das harmoniſche Zuſammenwirken aller an dem Werke der Jugendbildung betheiligten Faktoren dringend erheiſchen.
J.
Das Verhältnis, in welchem Schule und Familie zu einander ſtehen, erſcheint auf den erſten Blick als ein höchſt einfaches, ja faſt ſelbſtverſtändliches. Die Familie, auf welcher zunächſt die ganze Erziehungspflicht ruht, bedarf für die Erfüllung dieſer wichtigen und ſchwierigen Verpflichtung der Unterſtützung. Dieſes Bedürfnis erſtreckt ſich zunächſt und vorzugsweiſe auf das Gebiet der geiſtigen Entwicklung der Kinder durch Unterricht. Dieſer Unterricht kann allerdings auch innerhalb der Familie und ſogar durch dieſelbe ertheilt werden, was bekanntlich auch heute noch nicht ſelten geſchieht und


