Aufsatz 
Zur Lage des Unterrichts- und Erziehungswesens
Entstehung
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vollen Bedeutung erfaßt wird, wenn es vielmehr nur das Moment des Lernens, des geiſtigen oder techniſchen Könnens iſt, welches im Vordergrunde der Bildungsbeſtrebungen ſteht, ſo iſt das allerdings erklärlich genug. Der Parallelismus des Unterrichtsweſens zur geſammten Kulturentwickelung der Zeit iſt im ganzen wenig gewahrt worden, das Leben der Nation aber iſt in den letzten fünfzig Jahren in manchem Stück im Sturmſchritt vorwärts gegangen. Es iſt wohl begreiflich, wenn man zunächſt nach dem ſucht, deſſen Un⸗ entbehrlichkeit für das Fortkommen des Menſchen in unſern Tagen in die Augen ſpringt, und wenn der materielle Zug der Zeit eben zuerſt nach dem materiellen poſitiven Inhalt der Bildung fragt. Aber wie verſtändlich immer, nachtheilig muß doch ein ſolches einſeitiges Suchen ſein. Und es iſt das auch in ſolchem Grade, daß eine Reihe von begrün⸗ deten Klagen, wie ſie aus der Schule, aus der Familie, aus dem Leben ſelbſt heraus ertönen, zum guten Theile auf dieſe einſeitige Vorliebe fuͤr einen gewiſſen Intellektualismus zurückzuführen ſein wird. Für einen gewiſſen Intellektua⸗ lismus, ſagen wir, denn es iſt ja der Fluch ſolches ein⸗ ſeitigen Strebens, daß es nicht einmal auf dem einſeitig bevorzugten Gebiete ſelbſt geſunde und volle Frucht erzielen kann. Wiſſen mag immerhin Macht ſein: aber das Wiſſen dieſes guten Spruches iſt kein Konglomerat von allerlei Kennt⸗ niſſen, es iſt auch nicht einmal der Beſitz leidlich geordneter Kenntniſſe, es iſt dieſes Wiſſen nur der Inhalt und Ausdruck des allſeitig gebildeten Menſchen, es iſt die geiſtige Kraft, welche zugleich ſittliche Kraft iſt. Wir überſchätzen heut zu Tage den poſitiven Stoff des Wiſſens viel zu ſehr auf Koſten der Kraftentwickelung: gar wenig wird oft mit ins Leben hinübergenommen, denn das nur Eingelernte muß ja zum guten Theil vergeſſen werden und wird um ſo eher