Aufsatz 
Das Streben der Könige von Frankreich nach der römischen Kaiserkrone
Entstehung
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beim Papste. Aber Johann XXII, ein geborener Franzose ¹) entschied sich weder für den einen, noch für den anderen; und als er endlich mit Ludwig d. B. zerfiel, erwachte in Karl IV von Frankreich die Hoffnung. mit Hilfe des Papstes die Kaiserkrone zu ge- winnen. Bereits dachte man in Frankreich daran. aus der Translationstheorie die letzte Folge- rung zu ziehen und diesmal mit Umgehung des Wahlrechts der Kurfürsten unmittelbar durch päpstliche Provision das Kaisertum besetzen zu lassen 2). Karl IV hatte denn auch mit Herzog Leopold, dem Bruder Friedrichs des Schönen, eine Zusammenkunft in Bar- sur-Aube; aber der Erfolg blieb auch diesmal aus. Seitdem hören wir lange nichts mehr von ähnlichen Bemühungen der Franzosen. Der Grund für diese Erscheinung ist nicht etwa darin zu suchen. dass man jeuseits der Vogesen das alte Ziel vollständig aufgegeben hatte; es sind andere Gründe, die hier mitwirkten. Die Denkschriften Dubois lassen keinen Zweifel darüber, dass man in Frankreich die Kaiserkrone nicht blos deswegen erstrebte. weil mit derselben eine alle anderen Kronen überstrahlende iceale Hoheit nnd Würde ver- knüpft war, sondern weil ihr Besitz den Weg zu bahnen schien zur thatsächlichen un- mittelbaren Herrschaft über ganz Europa. Nun war aber seit dem Untergang der Stau- fen der Glanz der Kaiserkrone im Erbleichen. Sie war nicht mehr dieKrone der Kro- nen, das Haupt der Welt. Seit dem Tode Friedrichs II hatte es 62 Jahre lang über- haupt keinen Kaiser gegeben. Unterdessen hatte sich die Verbindung des Kaisertums mit Jtalien und dem Papsttum immer mehr gelockert. Im Innern des Reiches aber herrschten Unfriede und Zerrissenheit; und die Westgrenze des Reichs lag schutzlos da vor den Blicken des beutegierigen Nachbars. So ergab sich für Frankreich die Möglich- keit, sSein Ziel, die Herrschaft über Europa, auf einem anderen, vielleicht noch näheren Wege zu erreichen. Und in der That hat Frankreich diesen Weg nunmehr mit Erfolg eingeschlagen. Der Reihe nach fielen Lyon, die Dauphiné. die Provence ihm in die Hände 3).Wenn dauernde französische Erwerbungen in Hochburgund und Lothringen erst später folgten, so lag die Schuld nicht am Mangel französischer Eroberungslust.¹ Uebrigens gelang es den Capetingern und ihren Nachfolgern, den Valois, mit den Luxem- burgern, denen sie i. J. 1308 die Krone streitig gemacht hatten, in ein ganz leidliches Verhältnis zu treten. Heinrich VII, in Valenciennes geboren und am französischen Hofe erzogen, war ja selbst französischer Kronvasall gewesen. Er sprach das Französische als seine Muttersprache. Heinrichs VII Solm, Johann der Blinde von Böhmen, stand zu dem französischen Könighause in nahen verwandschaftlichen Beziehungen. Am französischen Hofe wurde sein ältester Sohn Wenzel erzogen, der später als Karl IV den deutschen Thron bestiegen hat. Dieser Karl aber hat sich ummittelbar nach seiner i. J. 1346 erfolgten Wahl mit seinem Vater nach Frankreich begeben, um an dem Kriege mit England teil- zunehmen; auf dem Schlachtfelde von Crecy hat er seinen Vater verloren. Unterdessen waren die Nachkommen Karls von Anjou auch in Ungarn zur Herrschaft gelangt, So dass französischer Einfluss von drei Seiten her das Reich umspannte. Und was noch am meisten ins Gewicht fiel, die Päpste residierten seit 1309 drüben in Avignon, fern von der ewigen Roma und allzunahe dem französischen Hofe, dessen Einfluss sie sich kaum zu entziehen vermochten. In jenen Tagen enstanden in Jtalien die sogenannten Reali di Francia, eine in das Gewand der Sage gehüllte poetische Verherrlichung des französischen Königs- hauses 4), Es ist eine Geschichte der Ausbreitung des Christentums, an welcher dem französischen Königsgeschlechte ein hervorragender Anteil zugeschrieben wird. Französische Prinzen, schon bei ihrer Geburt mit dem Kreuze gezeichnet. erscheinen durch höhere

1) dont le nom sera toujonrs cher à la France. Verlaque, Jean XXII, sa vie et ses oeuvres. Paris 1883. 2) Kampers a. a. O. p. 147. 3) Ficker, das deutsche Kaiserreich in seinen nationalen und uni- versalen Beziehungen. Innsbruck 1862 p. 126 ff. 4) Ranke, zur Geschichte der italienischen Poesie. (Sämtl. Werke 51. 52 p. 155 ff.)