6—
Nach kurzem Bedenken wählte er einen Ausweg, der vorerst auch die französische Partei befriedigte, weil sie auf die deutsche Uneinigkeit rechnete; er befahl den kurfürsten. innerhalb 6 Wochen sich auf einen Kandidaten zu einigen, sonst werde er im Einverständnis mit den Kardinälen selbst einen Kaiser setzen. Damit entschied er die Wahl Rudolfs von Habsburg und rettete Europa, wenigstens für einige Zeit noch, vor der Gefahr einer Ueberflutung durch französischen Einfluss, und damit hat er sich zugleich für alle Zeiten einen Platz in der deutschen Geschichte gesichert.
Der nächste, der auf den Gedanken eines französischen Kaisertums zurückkam, war ein Nachfolger Gregors und zwar merkwürdigerweise derselbe, der als der erste mit dem allmäh- lich erstarkten französischen Königtum in einen Kampf geriet, den man mit dem Kampfe Friedrichs II gegen die Kirche kaum in Parallele zu ziehen Wagt. Bonifaz VIII hat, wie es scheint 1), bereits i. J. 1296, als eben die ersten Anzeichen der gegen Adolf von Nas- sau sich bildenden Fürstenverschwörung nach Rom gemeldet wurden, dem Bruder Philipps IV des Schönen, Karl von Valois. Aussichten auf die Kaiserkrone eröffnet. Doch die an- geknüpften Verhandlungen führten zu keinem Ergebnis. Adolf fiel, und es folgte nicht Karl von Valois. sondern Albrecht von Oesterreich. Aber deswegen hat weder Bonifaz. noch Philipp der Schöne den Plan endgültig aufgegeben. Er wurde nur vorerst Zzurück- gestellt.— Albrecht hatte bereits 1292 die Krone erhofft; doch sie War ihm entgangen. Nachdem sie ihm jetzt zugefallen war, wollte er sie seinem Geschlechte für immer sichern: er erstrebte also eine deutsche Erbmonarchie unter habsburgischem Scepter. Da Bonifaz sich ihm gegenüber abwartend verhielt, näherte er sich 1299 dem König von Frankreich und schloss mit ihm ein enges Bündnis. Philipp versprach jedenfalls seine Mitwirkung bei der Errichtung des deutschen Erbreiches: dafür Sollte das Arelat— ja. wie gerüchtsweise verlautete, das ganze linke Rheinufer— an Frankreich abgetreten werden und Albrechts Sohm Rudolf, der voraussichtliche Thronfolger, mit einer Schwester des Franzosenkönigs sich vermählen. Auch diese Sache zerschlug sich, und nun scheint der Papst auf seinen ersten Plan zurückgekommen zu sein. Er erhob gegen Albrecht die Anklage auf Hoch- verrat und ernannte Karl von Valois, der i. J. 1301 nach Jtalien kam, zum Statthalter des Reiches und krönte ihn mit der Krone des seit 1261 erloschenen lateinischen Kaisertums von Constantinopel. Diesen Karl von Valois hat die Stadt Florenz in einem späteren Schreiben als den dritten fränkischen Karl nach Karl d. Gr. und Karl von Anjon
gefeiert ²). Damals aber verbannte dieser fränkische Karl Italiens grössten Sohn. den Dichter der Divina Comedia und Verfasser der Monarchia, den begeisterten Lobredner des römisch-deutschen Kaisertums, aus seiner Vaterstadt.— Da änderte sich
mit einem Male die ganze Lage. Es begann der Streit Philipps mit dem Papste. und dieser Streit war ein Glück für Deutschland; denn Bonifaz machte jetzt seinen Frieden mit Albrecht. Philipps politische Entwürfe gelangten also nicht zur Ausführung; aber die Thatsache allein, dass der König von Frankreich derartige Bestrebungen verfolgte, ist von grossem geschichtlichen Interesse.— Sehr interessant sind auch die Denkschriften, die ein juristischer Ratgeber des Königs. Peter Dubois. zu verschiedenen Zeiten für den- selben ausgearbeitet hat. Aus d. J. 1300. also aus der Zeit. die unmittelbar auf den Abschluss des französisch-deutschen Bündnisses folgte, stammt die erste 3). Da ist nicht mehr von dem Kaisertum allein, sondern von der Herrschaft über die ganze Welt die Rede. Die Verwirklichung dieses Programms denkt sich Dubois folgendermassen. Zunächst müsse der Papst dem Könige von Frankreich die Lehnshoheit über Rom, Toscana, Sizili- en, England und Aragonien abtreten. Sodann solle Philipp von Albrecht die Lombardei
1) Vgl. meinen Aufsatz: Die Absetzung Adolfs von Nassau und die römische Curie(Historische Vierteljahrschrift 1899, 1.). 2) Wenck. Clemens V und Heinrich VII. p. 85 n. 6. 3) Bibliothèque de 1' Ecole des chartes III. Paris 1846.


